Gastronomie-Branche
Warum das Kneipensterben kein Ende nimmt

Münster -

Das Kneipensterben nimmt kein Ende. Renate Dölling vom Hotel- und Gaststättenverband erklärt im Interview, warum so viele traditionelle Gastronomiebetriebe schließen müssen und was Gäste heutzutage erwarten.

Freitag, 02.02.2018, 18:02 Uhr

Leere Kneipen
„Der Gast hat mit den Füßen abgestimmt”, meint Renate Dölling vom Hotel- und Gaststättenverband. Foto: Colourbox.de

Aktuell wurde bekannt, dass der Wersehof in Handorf Ende September aufgeben wird. In der Vergangenheit haben sich bereits viele Betriebe in Münster und in den Stadtteilen verabschiedet. Unsere Redakteurin Gabriele Hillmoth sprach mit der Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes in Münster, Renate Dölling , über die Veränderungen in der Gastronomie.

Der Wersehof in Münster-Handorf schließt im September.

Der Wersehof in Münster-Handorf schließt im September. Foto: Oliver Werner

Warum schließen so viele traditionelle Gastronomiebetriebe?

Dölling: Die Gründe sind sehr vielfältig. Diente die Gaststätte früher als „Kommunikationszentrum“ im Ort, so haben diese Funktion zwischenzeitlich die neuen Medien übernommen.

Was ist heute anders?

Dölling: „Früh- oder Dämmerschoppen“ gibt es nicht mehr. Heute stehen die Gastronomiebetriebe im Wettbewerb mit anderen Freizeitaktivitäten. Die Menschen sind mobiler geworden und möchten in ihrer Freizeit viele Dinge genießen, und sie versorgen sich häufig auch selbst.

Die Kneipe als Vereinsgaststätte oder Treffpunkt für Kegelclubs ist nicht mehr gefragt?

Dölling: Früher trafen sich viele, um zu kegeln. Auch dies ist heute nicht mehr so. Es gibt kaum noch Kegelclubs, und die Gastronomiebetriebe mit Kegelbahnen sind so gut wie nicht mehr vorhanden. Neben den Kegelclubs gab es früher auch viele „Vereinsgaststätten“. Dann wurden Vereinsheime gebaut, die mit einer Thekenanlage ausgestattet waren, sodass die Treffen der Vereine sich dorthin verlagerten. Dort wurden auch die Familienfeiern durchgeführt, da es ja vermeintlich günstiger ist, alles selbst zu organisieren, als eine Feier von einem Profi-Gastronomen ausrichten zu lassen.

Renate Dölling ist Geschäftsführerin der Geschäftsstelle Münsterland des Hotel- und Gaststättenverbandes Westfalen

Renate Dölling ist Geschäftsführerin der Geschäftsstelle Münsterland des Hotel- und Gaststättenverbandes Westfalen Foto: Dölling

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Warum geht der Gast heute noch in ein Restaurant?

Dölling: Wenn der Gast heute einen Gastronomiebetrieb aufsucht, möchte er ein „Erlebnis‘“. Das bedeutet, dass nicht nur eine angenehme Atmosphäre, gute Produkte bei Speisen und Getränken gegeben sein müssen, sondern dass etwas Besonderes geboten werden muss. Früher wurde gezielt ein Betrieb aufgesucht, um sich mit Freunden zu treffen, um Kaffee zu trinken. Heute wird der Kaffee gekauft, wo man gerade ist und Lust darauf hat. Und es wird vieles auch „to go“ angeboten.

Wie viele Betriebe in den vergangenen Jahren geschlossen?

Dölling: Leider gibt es keine Statistik darüber. Wer mit offenen Augen durch das Münsterland fährt, wird feststellen, dass es bereits viele Orte gibt, in denen es keine Gastronomie mehr gibt.

Welche Betriebe sind betroffen?

Dölling: Es ist nicht nur die traditionelle Gastronomie betroffen. Viele Kneipen, Restaurants und Imbissbetriebe werden neu eröffnet und sind nach noch nicht einmal einem Jahr wieder vom Markt verschwunden. Neben den betriebswirtschaftlichen Aspekten kommen die vielen bürokratischen Auflagen hinzu. Hinzu kommt, dass es immer schwieriger wird, gut ausgebildete Fachkräfte zum Beispiel für die Küche zu finden. Die ausgebildeten jungen Leute gehen in der Regel zunächst auf „Wanderschaft“.

Generationswechsel sind heute selten geworden. Warum scheitert dieser Schritt?

Dölling: Bei einem Generationswechsel wird der Betrieb sehr genau geprüft. Viele junge Menschen entscheiden sich nach reiflicher Überlegung gegen das Weiterführen, da der monatliche Gewinn von Faktoren abhängig ist, die nur bedingt durch die Betreiber beeinflusst werden können. So spielt das Wetter oder aber auch die Anzahl der Gäste eine entscheidende Rolle.

Erschwert die Bürokratie das Leben?

Dölling: Der Gastronom hat eine Vielzahl von Auflagen zu erfüllen. Er ist heute nicht mehr nur Gastgeber, sondern er muss sich im Lebensmittel-, Steuer- und Arbeitsrecht, im Jugendschutz- und Jugendarbeitsschutzgesetz auskennen, im Bereich der Arbeitssicherheit, insbesondere im Brandschutz sind Kenntnisse gefordert.

Wie kann das Kneipensterben aufgehalten werden?

Dölling: Durch die zu Beginn geschilderten Gründe haben sich andere Betriebsformen herausgebildet. Es gibt zunehmend Ketten- und Franchisebetriebe, die das gleiche Angebot mit gleicher Qualität an verschiedenen Standorten und in unterschiedlichen Städten anbieten. Durch ihre Betriebsgröße ist es für diese Art von Gastronomiebetrieben leichter, die Aufgaben und Problemstellungen zu erfüllen. Aus den ursprünglichen Stadtteilkneipen oder auch traditionellen Gastronomiebetrieben sind Betriebe mit einem anderen Angebot (Kaffee, Snacks, etc.) geworden. Ein Zurückdrehen der Entwicklung wird schwierig bis gar nicht möglich sein. Der Gast hat mit den Füßen abgestimmt und die Entwicklung nicht nur eingeleitet, sondern auch umgesetzt. Ähnliche Phänomene finden sich auch in anderen Branchen wie im Textileinzelhandel wieder.

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