Unzufriedenheit am Pulverschuppen
„Was soll ich von so einer Verwaltung noch halten?“

Münster -

„Wir werden von vorne bis hinten verarscht!“ Die Stimmung bei der Bürgerinformation zur geplanten Flüchtlingseinrichtung am Pulverschuppen war durchaus explosiv. SPD-Politiker Michael Jung fand sich als Gastgeber schnell auf dem sprichwörtlich heißen Stuhl wieder.

Donnerstag, 14.06.2018, 15:30 Uhr

Rund 80 Gäste begrüßte die SPD-Ratsfraktion bei einer Bürgerinformation. Die Diskussionen wurden äußerst hitzig geführt.
Rund 80 Gäste begrüßte die SPD-Ratsfraktion bei einer Bürgerinformation. Die Diskussionen wurden äußerst hitzig geführt. Foto: Björn Meyer

Eine Informationsveranstaltung der SPD-Ratsfraktion zur geplanten Errichtung einer Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) für Asylbewerber hat am Mittwochabend zwar wenig neue Informationen gebracht, dafür aber war sie ein exzellentes Spiegelbild der Stimmung, die bei den Anwohnern am Pulverschuppen vorherrscht.

Schon vor Beginn der Veranstaltung in der Gaststätte Nobis Krug Sepia 5.12 gab der kleine Saal einen Fingerzeig darauf, was in den kommenden 90 Minuten folgen würde. Alle Sitzplätze waren belegt, die Stehplätze auch und selbst vor der Tür des Raumes hatten noch ein paar Interessierte Platz gefunden. Spätestens zehn Minuten nachdem der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Jung das Wort ergriffen hatte, war endgültig zu erahnen, wohin die Reise gehen würde. Ein Gast meldete sich und entgegnete Jung barsch, man wolle nicht „vollgelabert“ werden, sondern jetzt Fragen stellen. Auf Jungs Einwand, dass er zunächst seine Einführung beenden wollte, wurde es noch lauter. Wer denn dafür sei, jetzt Fragen zu stellen, fragte der Anwohner in die Runde. Zugleich erhoben sich mindestens zwei Dutzend Hände. Jung hatte daraufhin seine liebe Mühe, seine Gäste im Zaum zu halten, beendete aber immerhin seine Rede.

SPD im Dilemma

Doch harmonischer wurde es danach nicht. Warum man denn im Rat der Entscheidung für eine ZUE am Pulverschuppen zugestimmt habe, wollte die Runde mehrfach wissen. Jung sprach von einem Dilemma, bei dem man sich letztlich dafür entschieden habe, die Wohnungsentwicklung in der Stadt nicht zu gefährden.

Zentrale Unterbringungseinrichtung

Kürzlich hat der Rat der Stadt die Verwaltung mit der Vorbereitung der Errichtung einer Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) am Standort „Am Pulverschuppen“ beauftragt. Dies ist eine Folge eines jahrelangen Prozesses, in dessen Mittelpunkt der Wunsch der Stadtverwaltung steht, das Gelände der ehemaligen Kasernen York und Oxford als Wohnbauland zu entwickeln. Eine vom Land Nordrhein-Westfalen in Münster favorisierte Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) war vom Rat der Stadt mehrheitlich allerdings abgelehnt worden. In Folge dessen gab es von Land und Bund Signale, dass das Gelände der York-Kaserne nur zum Verkauf stehe, wenn die Stadt an einem alternativen Standort eine Zentrale Unterbringungseinrichtung baue. Rund 25 Millionen Euro sind dafür derzeit veranschlagt, maximal zehn Millionen davon sollen vom Land gefördert werden.

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Kein Vertrauen in die Verwaltung

Bei aller Aggressivität im Raum, Verständnis für die Probleme um den Wohnungsmangel in der Stadt war durchaus zu spüren. Nicht aber für die Vorgehensweise von Rat und vor allem Verwaltung. „Was soll ich von so einer Verwaltung noch halten?“, fragte ein Gast der Veranstaltung. Es war nur eine von vielen Aussagen, in denen deutlich wurde, dass das Vertrauen in die Stadt auf ein Minimum gesunken ist.

Immer wieder wurde der Verwaltung vorgeworfen, mit falschen Zahlen in dem Zusammenhang zu agieren. Auch kam der Vorwurf, die Stadt habe im Geheimen längst mit den Arbeiten an dem Grundstück begonnen, obwohl es noch keinerlei Informationen gegeben habe. Es sei eine Farce, schimpfte ein Besucher, die Verwaltung führe die Menschen vor.

Kleiner Konsens am Schluss

Nur einmal, kurz vor Schluss, gab es so etwas wie einen ganz kleinen Konsens zwischen dem SPD-Lokalpolitiker Jung und seinen Zuhörern. Man wolle sich dafür einsetzen, dass zumindest der geplante Wohnmobilstellplatz noch einmal überdacht werde, sagte Jung, nachdem eine Anwohnerin kritisiert hatte, dass man mit ZUE, Umgehungsstraße und Stellplatz von allen Seiten zugebaut werde. Es war an diesem Abend nur ein kleiner Lichtblick für die Anwohner, deren mehrheitliche Stimmung draußen vor der Tür jemand unverblümt zum Ausdruck brachte: „Wir werden von vorne bis hinten verarscht.“

Kommentar: Mieses Zeugnis

Die Reaktion der Anwohner bei der SPD-Informationsveranstaltung zur Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) zeigt vor allem eins: Die Menschen haben keinerlei Verständnis dafür, wie das Thema Konversion, also die geplante Umnutzung der Kasernen, in den vergangenen Jahren durch Rat und Verwaltung umgesetzt worden ist. Und zwar völlig zu Recht. Der in Windeseile für die ZUE beschlossene Standort „Am Pulverschuppen“ reiht sich ein in eine ganze Reihe unrühmlicher Entscheidungen und Vorgehensweisen, die die Entscheidungsträger in den vergangenen Jahren zu verantworten haben. Dass die SPD nach all dem versucht, Vertrauen zurückzugewinnen, ehrt sie. Es ist allerdings eine Fehleinschätzung zu glauben, das könne an einem Abend durch eine Bürgerveranstaltung gelingen. Dass aber die Verwaltung bislang, trotz bereits gefällter Entscheidung, es nicht mal für nötig hält, die – nein – ihre Bürger zu informieren, ist schlichtweg dreist. Und zudem ein Eingeständnis, der eigenen Unzulänglichkeit in der Angelegenheit. Leider ist auch das nicht mal ein Ende mit Schrecken, denn die Stadt wird weiter durch die Angelegenheit schlittern, das ist schon jetzt abzusehen. Es sagt nur niemand öffentlich. (bm)

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