Do., 10.03.2016

Interview Ökologe Prof. Wittig warnt: Unverwechselbare Landschaft ist in Gefahr

Professor Rüdiger Wittig ist Präsident der in Münster ansässigen Akademie für ökologische Landesforschung.

Professor Rüdiger Wittig ist Präsident der in Münster ansässigen Akademie für ökologische Landesforschung. Foto: Markus Lütkemeyer

Münster - 

Die in Münster ansässige Akademie für ökologische Landesforschung feiert mit einer öffentlichen Vortragsveranstaltung, die am Samstag um 10 Uhr im Landeshaus beginnt, ihr 40-jähriges Bestehen. Thema sind „Wert, Gefährdung und Schutz der westfälischen Kulturlandschaft und ihrer Biodiversität“. Mit dem Präsidenten der Akademie, Prof. Dr. Rüdiger Wittig, sprach unser Redaktionsmitglied Martin Kalitschke.

Von Martin Kalitschke

Herr Wittig, Städte breiten sich immer mehr aus, neue Verkehrswege werden gebaut – oft auf Kosten der Natur. Was geht da eigentlich verloren?

Wittig: Sehr viel. Eine unverwechselbare Landschaft mit einer relativ kleinräumigen, abwechslungsreichen Gliederung – von Feldern über Grünland, Hecken, Feldholzinseln, Bauernwäldchen, größeren Wäldern und Bächen bis hin zu Teichen, Ackerrainen, Wiesen-, Hecken- und Waldsäumen. Landschaft, die Identität schafft, Platz für Erholung und Freizeit bietet – und zudem einen messbaren Geldwert hat, indem sie touristisch vermarktet wird.

Und die auch einen ökologischen Nutzen hat.

Wittig: Richtig. Unsere Kulturlandschaft bietet Windschutz durch Hecken und Wäldchen, Temperaturausgleich durch Wälder, die wiederum insektenfressende Vögel und Säuger beherbergen, und Abwasserklärung durch Pflanzenbewuchs. Im Übrigen: Viele Bürger schätzen die Kulturlandschaft und wohnen lieber in Städten mit Natur im Umland.

Wie machen Sie das fest?

Wittig: Ein Beispiel: Naturschutzvereine haben in Westfalen deutlich mehr Mitglieder als Kunstvereine. Nur: Wenn ein Kunstwerk verkauft werden soll, gibt es Proteste, denen niemand widerspricht. Wenn allerdings ein wertvoller Landschaftsteil vernichtet wird, dann protestieren zwar auch zahlreiche Personen, doch die werden nicht selten als „grüne Fantasten“ diffamiert.

Welche Gefahren sehen Sie konkret für die Kulturlandschaft?

Wittig: Immer mehr Hecken- und Waldsäume verschwinden, ebenso Acker- und Wegraine. Die Diversität des Grünlandes nimmt immer mehr ab, Monokulturen mit Mais, Raps und Chinaschilf breiten sich aus. Zudem findet man kaum noch die typische Ufer- und Saumvegetation von Bächen und Gräben.

Fotostrecke: Seltene Tiere und Pflanzen in NRW

Das hat sicherlich auch Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt, oder?

Wittig: Selbstverständlich. Schon seit Jahren beobachten wir einen Rückgang ehemals charakteristischer Arten der Kulturlandschaft. Die Feldlerche ist bedroht, das gleiche gilt für Rebhühner und Feldhasen, weil auf den Feldern alles zu eng steht oder die Aufzucht der Jungen nicht mehr möglich ist. Insekten und Insektenfresser leiden unter dem Einsatz von zu viel Chemie.

Wer ist schuld?

Wittig: Allgemein wird die Landwirtschaft als Gefährdungsursache gesehen. Das ist zwar vordergründig richtig, jedoch wird vergessen, dass die Landwirtschaft die Kulturlandschaft geschaffen hat. Und mancher Landwirt fragt sich – nicht zu Unrecht –, warum er das, was seine Vorfahren aus der damaligen Notwendigkeit heraus geschaffen haben, auf seinem Grund und Boden nicht verändern darf, wenn es heute notwendig erscheint.

Was meinen Sie damit?

Wittig: Nun, solange man den Landwirten nur 20 Cent pro Liter Milch zahlt – und demnächst vielleicht noch weniger – und das Kilo Schweinefleisch in Supermärkten für drei Euro zu bekommen ist, wird man einen Großteil der Landwirte nicht davon abhalten können, die Kulturlandschaft in eine Landschaft zu verwandeln, die den heutigen Produktionsmöglichkeiten angepasst ist. Schauen Sie nach Australien oder in die USA – dort gibt es Maisflächen, die bis zum Horizont reichen.

Wie kann man solche Entwicklungen ausbremsen, bevor es auch hier bei uns zu spät ist?

Wittig: Ich sehe nur zwei Möglichkeiten. Die Landwirtschaftspolitik muss sich ändern – und die Bezahlung der Bauern für ihre Leistung. Wer zur Erhaltung unserer Kulturlandschaft beiträgt, darf keine finanziellen Einbußen erleiden. Wenn dies nicht gelingt, kann die charakteristische Kulturlandschaft wohl nur noch in großflächigen Freilandmuseen erhalten werden, in denen die Landwirte in erster Linie Pfleger und nur in zweiter Linie Produzenten sind.

Kann auch jeder einzelne etwas dafür tun, das Kulturlandschaft erhalten bleibt?

Wittig: Natürlich sollte sich jeder fragen, ob er die momentane Preispolitik unterstützen will oder nicht – und überlegen, ob es nicht besser ist, insgesamt höhere Preise für landwirtschaftliche Produkte zu zahlen, einheimische Produkte zu bevorzugen und weniger Fleisch zu kaufen.

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