Di., 18.10.2016

Die Flucht aus Syrien, Teil 3 Die Nacht, in der die Flucht scheiterte

Die Flucht aus Syrien, Teil 3 : Die Nacht, in der die Flucht scheiterte

Handy-Foto bei einer Etappe der Flucht. Asmaa Aleid und ihre Kinder warten im Wald. Foto: Basem Salmeh

Münster - 

  

Aber auch in der Türkei war das Leben schwer. Für die Kinder gab es keine guten Schulen. Wenn man arbeitete, konnte es vorkommen, dass es am Ende des Monats kein Geld gab. Zweieinhalb Jahre hielten wir diese unsichere Lage aus. Meine Schwiegermutter starb in Mersin, in der Türkei. Sie erlitt zwei Schlaganfälle, aber sie starb an gebrochenem Herzen. Immer dachte sie über ihre Kinder und Verwandten in Syrien nach. Unsere Finanzen waren erschöpft. 2015 beschlossen wir, weiter zu fliehen.

Von Asmaa Aleid

Izmir, Türkei, am 20. Dezember 2015 gegen 22 Uhr. Nachdem unsere kleine Gruppe im Haus eines der Schlepper zusammengekommen war, brachen wir in eine ungefähr drei Stunden von Izmir entfernte Gegend auf. Keiner von uns kannte wirklich unser Ziel. Es war stockfinster, der Weg wurde stetig unwegsamer und wir gleichzeitig immer müder, denn wir hatten zwei Nächte nicht geschlafen.

Wir hatten in Istanbul einen Schlepper gefunden. Er wusste nichts, war nur ein Rad in einem mafiösen Zahnwerk. Er verlangte 700 Dollar pro Person. Im Winter ist es billiger, normalerweise nehmen die Schlepper 1100 Euro. Er sagte „700 Dollar pro Stück“ – als ob wir Vieh wären.

Irgendwann kamen wir zu einem verlassenen Haus. Es war dunkel, aber außer dem zeitlich begrenzten Schein von Feuerzeugen im äußersten Notfall war uns jegliches Licht untersagt, damit die Polizei oder die türkische Gendarmerie uns nicht entdeckten.

Alle hier versammelten Menschen hielten sich jederzeit bereit zur Weiterreise. Um drei Uhr nachts sagten man uns, dass es jetzt Zeit sei.

Plötzlich sah ich diese riesige Zahl an Menschen, die so viel größer war, als wir vereinbart hatten, und ich weigerte mich, weiterzugehen. Wir brachen die Flucht ab. Unser Leben ist ein Geschenk Gottes, und ich war nicht bereit, es leichtfertig wegzuwerfen.

Der Preis für den Abbruch war hoch. Nachdem wir entschieden hatten, nach Izmir zurückzukehren, wurde mein Mann gepackt und getrennt von uns in ein Auto gezerrt. Die Schlepper hielten ihm eine Waffe an den Kopf: Bezahlen oder sterben.

Wir bezahlten unter der Bedingung, dass sie uns nach Izmir zurückbrächten. Die Kinder und ich wurden in den Laderaum eines uralten Vans verfrachtet und vor einem heruntergekommenen Hotel irgendwo bei Izmir abgesetzt. Mein Mann war separat unterwegs zu uns, nachdem wir dem Schlepper das Versprechen abgenommen hatten, dass er ihn zu uns bringen würde.

Diese Nacht war keine gewöhnliche Nacht. Wir verabschiedeten uns von unseren Fluchtplänen, als wir gesehen hatten, was mit uns passierte. Aber bereits am nächsten Morgen drängte sich schon die Frage auf: Bleibt uns überhaupt etwas anderes übrig?

Die Umstände hatten sich schließlich nicht geändert – im Gegenteil: Wir hatten erneut alles zurückgelassen, hatten keine Wohnung mehr und nicht einmal mehr unser Gepäck. Wir hatten weite Strecken zurückgelegt und über zwei Monate lang darüber nachgedacht. Es waren diese Umstände um uns herum, die uns zur Entscheidung zwangen.

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