Di., 18.10.2016

Flucht aus Syrien, Teil 4 In den Händen von Schleppern

Flucht aus Syrien, Teil 4 : In den Händen von Schleppern

Warten auf die Überfahrt in einem Olivenhain in der Türkei. Die Flüchtlinge wissen nicht, wohin sie gebracht werden. In der Mitte Basem Salmeh, der heute mit seiner Frau Asmaa Aleid und den vier Kindern in Münster lebt. Foto: Asmaa Aleid

Münster - 

Bereits am Tag nach unserer missglückten Überfahrt verhandelten wir mit einem Schlepper über angemessene Transportbedingungen, darunter die Gesamtzahl der Personen und die Art des Bootes. Die Schlepper arbeiten in einem mafiösen System. Einer verhandelt, kassiert – dann kommen andere ins Spiel.

Von Asmaa Aleid

  

Um 20 Uhr brachen wir ein weiteres Mal von Izmir auf. Aus Furcht vor der Polizei waren wir auf mehrere Autos verteilt, damit man den Weg besser überblicken und Zeichen geben konnte, wenn die Straße frei war. Der Weg war sehr lang, ungefähr fünf Stunden Reisezeit.

Als wir ankamen, war es immer noch Nacht. Einige aus unserer Gruppe hatten es nicht geschafft: Sie waren von der türkischen Polizei aufgegriffen worden. Die Umgebung war stockfinster. Die Schlepper führten uns in einen Olivenhain und informierten uns, dass wir in zwei Stunden bei Sonnenaufgang aufbrechen würden.

Die Zeit verging, und es war bitterkalt. Wir hatten keine Decken oder irgendetwas, womit wir uns vor der Kälte schützen konnten, denn es war uns untersagt worden, mehr als das Allernötigste mitzunehmen. Zudem musste jeder zusehen, nicht zu viel anzuziehen, damit die Rettungsweste noch passte und man nicht zu schwer war, falls das Boot leckte oder man über Bord ging.

Wir warteten und hatten nichts zu essen oder zu trinken bei uns, denn sie hatten uns gesagt, dass wir den Sammelpunkt sofort nach unserer Ankunft wieder verlassen würden.

Alle aus unserer Gruppe ärgerten sich über die Situation – und wo waren eigentlich die Leute, mit denen wir verhandelt hatten?

Einige versuchten, zurückzukehren, aber es war nicht möglich: Dieser Ort war Niemandsland und weit entfernt von allem.

Ungefähr um 17 Uhr tauchte jemand mit ein paar Tomaten, Käse und Wasser auf, doch es reichte bei weitem nicht aus für all die Menschen hier. Er sagte, dass die Verantwortlichen bald kommen würden, doch es vergingen weitere zwei Stunden. Die Kälte, unser Hunger und Durst nahmen weiter zu, während alles um uns herum mit der Dunkelheit verschmolz, die mit jedem Wintertag schwärzer wurde.

Und dann – endlich – erschienen zwei Personen, die mit gedämpften Stimmen und flackerndem Licht zuerst unsere Gruppe in kleinen Einheiten für die Fahrt auf dem Meer vorbereiteten und mit anderen das Schlauchboot aufbliesen. Doch was war das denn für ein Boot? So winzig und gewiss nicht so, wie wir es ausgehandelt hatten – wir hatten doch schließlich dafür bezahlt!

Offenbar war eine Gruppe von Schleppern mit einem größeren Schlauchboot von der Polizei erwischt worden. Ihren Part übernahmen gleich andere Leute – allerdings hatten sie nur ein kleines Boot. Es sollte für 65 Menschen reichen.

Es schlug die Stunde des Aufbruchs, und alle machten sich bereit. Einige Frauen und Kinder, die den Einstieg verweigerten, schrien. Mit harschen und fluchenden Drohgebärden zwangen die Schlepper sie jedoch zum Einsteigen.

Wir kletterten ins Boot, dessen Zustand alles andere als ordnungsgemäß war. Unsere Kleidung wurde augenblicklich durchnässt. Die eisige Luft, der Wind über dem Meer und unsere nas-sen Klamotten ließen die Kälte bis in die Knochen kriechen. Das Boot legte ab. Am 22. Dezember 2015 erlebten wir die kälteste Nacht unseres Lebens.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4378190?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F4378019%2F