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Di., 18.10.2016

Flucht aus Syrien, Teil 5 Dramatische Fahrt über die Ägäis

Flucht aus Syrien, Teil 5 : Dramatische Fahrt über die Ägäis

Handyfoto von dem völlig überladenen Schlauchboot, mit dem die Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland übersetzen. Foto: Basem Salmeh

Münster - 

Wir fuhren über die Ägäis. Die Wellen wurden höher und höher und schlugen ins Innere des Bootes. Panik griff um sich. Luna, meine kleine Tochter, brach vor Angst um ihr Leben in Tränen aus. Wir konnten nur tatenlos zusehen, wie das Boot wegen des Wassers an Bord Geschwindigkeit verlor.

Von Asmaa Aleid

  

Alle hielten verzweifelt Ausschau, doch weit und breit gab es nichts außer Stille, tiefschwarze See und finstere Nacht. Nach etwa zwei Stunden kam das Boot ganz zum Stillstand.

Die Leute begannen zu weinen und zu beten. Wir versuchten, über GPS Signale an Rettungsmannschaften zu senden, aber auf dem Meer funktionierte das nicht wirklich. Es kam keine Antwort, eine Ewigkeit.

Das anfängliche Stimmengemurmel schwoll zu Bittgebeten an Gott, dass er uns aus dieser Notlage erretten möge. Endlich gelang es uns, mit einem schwedischen Kapitän Kontakt aufzunehmen. Über ihn konnte ein spanisches Seerettungsteam alarmiert werden, das mit Freiwilligen die See nach in Not geratenen Flüchtlingsbooten absuchte.

Freudentaumel brach aus, als wir in der Ferne unsere Retter sahen. Es dauerte aber noch über eine Stunde, bis sie bei uns waren. Sofort begann das Team, alle zu untersuchen und die Kinder herauszuziehen, die am wenigsten aushalten konnten. Danach schleppten sie das Boot ab. Es dauerte eine Stunde, bis wir die griechische Insel Lesbos erreichten.

Voller Erleichterung empfingen uns junge Männer und Frauen vom Roten Kreuz und versorgten uns mit trockener Kleidung und heißen Getränken. Wenig später wurden wir in die Hauptstadt von Lesbos, Mytilini, gebracht, um dort ein Papier zu erhalten, das uns erlaubte, aufs griechische Festland überzusetzen.

Doch zuerst einmal mussten wir vier Tage in einem provisorischen Flüchtlingslager ausharren, bevor wir nach Kavala fahren konnten – neun Stunden mit dem Schiff und anschließend mit dem Bus in die griechisch-mazedonische Grenzregion um Thessaloniki.

Das zweitägige Warten kam uns wegen der winterlichen Kälte noch länger vor. Als wir zu Fuß den sechs Kilometer langen Grenzübergang nach Mazedonien zurückgelegt hatten, war die Umgebung von Schnee bedeckt. Hilfsorganisationen verteilten Essen und Decken.

Nach unserer Ankunft in Mazedonien wurden wir mit dem Bus in Flüchtlingscamps gebracht, wo wir Papiere erhalten sollten, die uns die Weiterreise gestatteten. Dann ging es nach Serbien und durch Serbien – in einem uralten, maroden Zug, in dem es keine Sitzmöglichkeiten für die große Zahl an Flüchtlingen gab.

Hier begrüßte uns niemand, sondern wir wurden sehr kalt und grob behandelt. Serbischen Soldaten schlugen mit Stöcken in die Menge, mein jüngsten Sohn Muhammad wurde am Bein verletzt. Flüche und willkürliche Schläge empfingen uns auch, als wir aus dem Zug ausgestiegen waren.

Zu Fuß mussten wir zehn Kilometer nach Kroatien laufen. Die Erschöpfung zeigte sich sogleich, denn wir waren Tag und Nacht auf den Beinen gewesen. In Kroatien warteten Vertreter des Roten Kreuzes, die uns halfen, die ärztliche Versorgung übernahmen und Essen verteilten. Daraufhin wurden wir mit einem alten Zug nach Slowenien gebracht, wo wir nach elfstündiger Reise die altbekannten Papiere erhielten, die uns die Ausreise aus Slowenien und die Weiterreise nach Österreich erlaubten. Dort saßen wir 16 Stunden in einer Militärkaserne fest, bevor man uns mit dem Bus in die deutsche Stadt Passau brachte.

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