Di., 18.10.2016

Asmaa Aleid über die schwierige Lage von Flüchtlingen Die Hürden des Neuanfangs

Asmaa Aleid lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Münster. Die Familie ist über mehrer Etappen aus dem syrischen Homs geflohen.

Asmaa Aleid lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Münster. Die Familie ist über mehrer Etappen aus dem syrischen Homs geflohen. Foto: Günter Benning

Münster - 

Asmaa Aleid ist mit ihrem Mann und ihren vier Kindern aus der syrischen Stadt Homs geflohen. In sieben Folgen hat sie hier ihr Schicksal erzählt. Zum Schluss appelliert sie mit viel Herz dafür, den Flüchtlingen und vor allem ihren Kindern, einen Neuanfang zu ermöglichen.

Von Asmaa Aleid

Als Flüchtling hat man sich dazu entschieden, sich in die Arme des unbekannten Schicksals zu werfen, anstatt weiter auf eine Chance im eigenen Land zu hoffen, die Tag für Tag aussichtloser wird. Und man hat sich dazu entschieden, sich in die Heimtücke des Meeres und in die Finsternis seiner Wellen zu wagen, anstatt sich unter dem glühenden Licht der ständigen Feuergefechte und Explosionen niederzukauern.

Nein zum Tod

Man hat nein zum Tod gesagt und sich für das Leben entschieden, denn das ist durch und durch menschlich. Doch vor allem hat man sich als Flüchtling für das Leben seiner Kinder entschieden und dafür, sie in Sicherheit zu bringen – also für das trivialste Recht, das jedem Kind ermöglicht werden sollte – wo ihnen doch sonst alle Rechte im Schatten des Krieges verwehrt blieben. Sie sind die größten Opfer bei diesem Konflikt der Erwachsenen, sie sind zarte Wesen, die nun mit Auswanderung und Heimatlosigkeit fertig werden müssen.

er Krieg hat ihre Augen entsetzt, die Auseinandersetzung der Großen das Glänzen darin ausgelöscht. Der Krieg zeichnete einen Weg, der nur in Schmerz und Isolation führte. Er brachte in seinem Inneren nichts als Leid für diese unschuldigen Seelen und stahl ihre Kindheit. So steht es nun also um die syrischen Kinder heute.

Vielleicht ist die Zeit ein Bürge für die Überwindung und das Vergessen dessen, was sie an quälenden Szenen von Tod und Zerstörung mitansehen mussten. Aber das, was wir nicht sehen und was niemals vergehen wird, sind die seelischen Spuren, die Kriege an jedem hinterlassen, der ihren Horror und ihre Beklemmung erlebt und einen Freund, Verwandten oder sein Zuhause durch sie verloren hat.

Psyche als Waffe

Die psychische Schädigung ist mitunter die schlimmste Waffe im Krieg, die die Zivilbevölkerung und vor allem die Kinder am härtesten trifft und seelisch destabilisiert. Und wenn wir uns die Kinder in den asylgewährenden Ländern jetzt anschauen, so finden wir sie stets im inneren Konflikt – hervorgerufen durch die Situation, der sie ausgesetzt waren und die sie immer noch festhält. Sie befinden sich zwischen dem Hammer der Vergangenheit und dem Amboss der aktuellen Realität, fühlen sich einsam und fremd innerhalb einer Gruppe. Sie fürchten sich, neue Bindungen einzugehen, und noch mehr vor denen, die keine Lust darauf haben, dass sie überhaupt da sind.

 

Oftmals werden sie als „Eindringlinge in die Gruppe“ betrachtet, mit ihrer anderen Haut- und Haarfarbe und ihrer fremdartigen Sprache. Und gerade letzteres ist es, was eine Anknüpfung für sie unglaublich schwierig macht und sie im Unvermögen lässt, das zum Ausdruck zu bringen, was ihnen auf der Seele lastet oder was es in der Schule oder Gruppe an Problemen gibt…

Brücken der Hoffnung

Eingliederung ist eine Sache, die Zeit und gewisse Fähigkeiten erfordert, und das sollte das Vorgehen der zuständigen Behörden berücksichtigen. Sie sollten die Kinder abholen und ihre Füße an den Anfang des Weges setzen, damit sie das Ende des Regenbogens sehen und sich von ihm zu ihren Zielen und der Verwirklichung ihrer Pläne führen lassen können. Uns allen obliegt es nun, ihnen eine zweite Kindheit zu schaffen, ihren Augen das Strahlen wiederzugeben und die üblichen kindlichen Blödeleien zurückzuholen. Wir müssen ihren Kummer weit weg werfen – in bodenloses Land – und die Verzweiflung aus ihren Herzen verbannen. Dann müssen wir darin Brücken voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft errichten und ihre Seelen mit Heiterkeit und Freude begießen.

Alltag als Flüchtling

Die Last, bezüglich dessen, was die Kinder ertragen mussten, ist grenzenlos, doch erstreckt sich darüber hinaus auch auf die Großen, die dem, was sie zuvor während dem Leben im Krieg erlebt hatten und was durch die Strapazen ihrer erschöpften Seelen widergespiegelt wird, ebenfalls nicht gewachsen sind.

Auch sie wurden bis ins Innerste erschüttert und die seelischen Wunden gruben sich tief ein, wie Canyons, deren Felsspalten die Zeit nicht mehr schließen kann. Dies, und was sie zudem kürzlich in ihrem Leben auf der Flucht antrafen, ließ sie sich nur noch an dem Glauben festhalten, dass mit ihrer Ankunft in Deutschland eine Phase anbräche, die sie irgendwie entschädigen könnte für das, was sie einerseits wegen des Krieges in ihrem Land verloren hatten und andererseits für das, was sie in all den Nachbarländern erleiden mussten, bis sie schließlich – einigermaßen unversehrt der Fähre des Todes entronnen – hier ankamen.

Volle Lager

Die Überfüllung in den Auffanglagern und Asylheimen für Flüchtlinge brachte schließlich die unterschiedlichsten Nationalitäten zusammen, was leider fast augenblicklich negative Folgen hatte, denn viele gaben sich einfach als Syrer aus und profitierten von ihrer Notlage. Gerade jene sind es aber doch, die vor allen Dingen auf Aufnahme angewiesen sind; ein Volk, das niemals auch nur einen Tag bei jemandem schmarotzt hatte und über dessen intellektuelle, geistreiche und freigiebige Kultur Lieder gesungen werden! Doch nun haben die Kriegszustände dieses Volk dazu gezwungen, wider Willen sein Heimatland zu verlassen.

Zusätzlich zu all diesem kommt die starke Andersartigkeit der Sprache, die ein großes Hindernis im Leben der Flüchtlinge darstellt. Sie müssen ausreichend verstehen können, was um sie herum gesprochen wird – vor allem, wenn es um Gesetze und das gesellschaftliche Leben geht. Und das funktioniert aber nur, wenn sie die Sprache schnell neu erlernen, die nun einmal der Hauptbestandteil für den Bau von Brücken zwischen der deutschen Gesellschaft und den Flüchtlingen ist und ebenso für die Realisierung ihrer raschen Eingliederung darin.

Verständnis lernen

Was nach dem Erwerb der Sprache des Landes folgt, ist das Verständnis seiner Kultur, seiner Sitten und Traditionen, und die Gelegenheit, Arbeit zu bekommen – ganz zu schweigen von der Unmenge an Papierkram ohne eine arabische Übersetzung. Die meisten der Flüchtlingszentren stellen zudem kein WLAN zur Verfügung, nur gegen teure Gebühr, so dass die Flüchtlinge dafür zahlen müssen, bis sie irgendwann mit der Übersetzung klarkommen, und dergleichen mehr. Die schwerwiegendste Sorge ist jedoch das zähe Warten auf die Ankunft der Flüchtlings-Anerkennungspapiere, um endlich zu erfahren, wie lange die Duldungsphase hier ist. Das ist inzwischen meistens nur noch ein Jahr – nichts, was den syrischen Flüchtlingen die beständige Sicherheit gibt, die sie sich wünschten, als sie ihr Heimatland verließen.

Zwar haben sie das Recht, in einem Land leben dürfen, das ihnen in vollem Umfang Sicherheit gewährt, doch aufrichtige Hilfe, durch die sie sich wieder als Menschen fühlten, drang oft nicht bis zu ihrem Innersten durch. Und zudem sollte es auch zu ihrem Recht gehören, sich nicht Verachtung und abfälligen Blicken aussetzen zu müssen, nur, weil Flüchtlingen per se ein Image anhaftet, das die Würde des Menschen mit Füßen tritt und sie demütigt.

Ein Appell

Wir zogen das Flüchtlingsleben vor, denn es war eine Weigerung, Bote des Todes zu sein, und wir wurden stattdessen zu Boten des Lebens. Unser Menschsein bringt es einfach mit sich, dass wir unser Gemüt lieber ganz weit weg von Tod und Gewalt tragen. Denn das wertvollste im Leben – um es überhaupt leben zu können – ist eine sorglose Seele. Und dieser Zustand muss alle einschließen: alle Geister, alle Nationalitäten und alle Hautfarben.

Wir alle leben unter einer Sonne, also lasst uns doch ihr nie endendes Strahlen, das Liebe und Zuneigung spendet, einfach teilen! Und zu guter Letzt möchte ich nun noch persönlich meinen Dank aussprechen an all diejenigen, deren Augen diese Sonnenstrahlen und deren Herzen den Geist der Freigiebigkeit eingelassen haben. Danke für viele gütige Hände, die sich ausstreckten, um Tränen zu trocknen und seelische Wunden wegzustreicheln. Danke für den menschlichen Großmut. Danke Deutschland! 

Asmaa Aleid

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4378249?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F4378019%2F