Anzeige

Mi., 19.10.2016

Die Flucht aus Syrien, Teil 6 Deutschland – kein Wintermärchen

Die Flucht aus Syrien, Teil 6 : Deutschland – kein Wintermärchen

Nach der Ankunft in Deutschland: Asmaa Aleid auf einem deutschen Bolzplatz im Winter. Foto: Salmeh

Münster - 

Ein DRK-Team war vor Ort und kümmerte sich um die Erstversorgung vor allem der Kinder, die besonders anfällig für Krankheiten waren. Sie brachten meinen Sohn Muhammed weg, um sein Bein zu versorgen, das ihm Soldaten in Serbien gebrochen hatten.

Von Asmaa Aleid

Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit in Hallen, die sich mit Flüchtlingen füllten, bis wir gegen 1 Uhr nachts mit Bussen an einen Ort in der Nähe von München gebracht wurden. Um drei Uhr nachts erreichten wir ein Militärgelände, das abgeschieden im Wald lag. Erneut mussten wir unsere Fingerabdrücke abgeben, dann gaben sie uns Nummern, um uns bestimmten Bussen zuzuordnen.

Wir schliefen in einer riesigen Halle, in der es bestimmt Platz für mehrere tausend Menschen gab. Die Nacht war eisig, und die leichten Decken boten unzureichend Schutz vor der Kälte. Am Morgen teilte man uns auf die Busse auf und brachten uns in eine kleine Stadt, ungefähr zwölf Stunden entfernt. Keiner von uns hatte sich natürlich je zuvor mit all den Städtenamen oder der Geografie Deutschlands beschäftigt.

Es war schon dunkel geworden und an der Zeit für die Feierlichkeiten in dieser Silvester-Nacht. Überall, wo wir vorbeifuhren, bereitete man sich auf das Neue Jahr vor. Trinksprüche wurden ausgetauscht, Wünsche für fröhliches Leben weitergegeben. Feuerwerk begleitete uns, und funkelndes Licht ließ die Fenster in den Häusern erstrahlen. Ich fühlte mich plötzlich wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern, das sich in ihrem Traum verliert und nur noch die Wärme der Streichhölzer spürt, die sie entzündet hat. Wie sehr ich mir jetzt wünschte, dass es in meinem Land sicher wäre und ich diese Augenblicke dort erleben könnte.

Als wir endlich ankamen, ging das übliche Prozedere kaum voran – natürlich hatten die meisten Beamten in dieser Nacht frei. Wir wurden in einen einzigen kalten Raum gebracht, wo wir uns erschöpft auf dem Boden ausstreckten.

Viele Kinder waren dabei und auch einige ältere Menschen. Die Anstrengungen der Flucht hatte einige von uns bis an den Rand der Ohnmacht gebracht. Ich bettete ein paar Taschen unter die Köpfe meiner Kinder, nachdem die Müdigkeit sie übermannt hatte, und Kleidungsstücke über sie als Decken. Ich fing an zu weinen und verbarg es vor den Blicken der anderen. Das Leben ist hart – härter noch als das, wie man es sich manchmal vorstellt – besonders, wenn man weit weg ist von Haus, Heimat und Verwandtschaft, von einer Familie voller Fröhlichkeit und weichen Decken.

Der Ort hier war nicht besonders sauber und für ein menschenwürdiges Leben nicht geeignet, doch wir sprachen die Sprache nicht und konnten daher weder kommunizieren noch um etwas bitten. Wir verbrachten eine äußerst unruhige, ungemütliche Nacht. Doch zum Glück blieben wir nicht lange, und einige junge Männer führten uns schließlich zum Bahnhof, damit wir nach Dortmund fahren konnten.

Dort blieben wir eine Nacht, um Papiere und Reisepässe abzugeben. Am Abend wurden wir nach Orsoy gebracht, ein kleines Dorf am Rhein. Die Gegend war sehr schön. Doch wir blieben nur 21 Tage und wurden dann nach Münster verlegt. Die wichtigste Frage war nun: Würde ich nach all diesen Strapazen finden, was ich mir wünschte?

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4380471?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F4378019%2F