Sa., 17.11.2012

Forschen und Heilen Die unbekannte Volkskrankheit

Forschen und Heilen : Die unbekannte Volkskrankheit

Heleen Groen fährt einmal in der Woche vom niederländischen Groningen nach Münster, um sich von Prof. Rainer Wiewrodt behandeln zu lassen. Foto: Jürgen Peperhowe

COPD – was ist denn das? Kaum einer kennt diese Krankheit, dennoch leiden schätzungsweise 10 Prozent der deutschen Bevölkerung daran.

Von Hannah Reichelt

Jeder kennt sie: Die Gefahr, die von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck ausgeht. Fast alle wissen: Wer stark übergewichtig ist, neigt zu verstärktem Diabetes-Risiko. Selbst das Bewusstsein für Depressionen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Diese Volkskrankheiten sind mittlerweile nahezu jedem bekannt.

Dennoch gibt es eine Erkrankung, mit der man sich gemeinhin wenig beschäftigt: COPD – die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (Chronic Obstructive Pulmonary Disease). „Dabei sind etwa 10 Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen“, sagt Prof. Dr. Rainer Wiewrodt , Leiter des Schwerpunkts Pneumologie am Uniklinikum Münster . „COPD ist damit definitiv eine Volkskrankheit – und trotzdem weiß kaum jemand, was damit gemeint ist.“ Tatsächlich handelt es sich dabei um einen Überbegriff, der unterschiedliche Atemwegsbeschwerden wie Husten, vermehrten Auswurf und Atemnot zusammenfasst. Generell gilt aber: Die Atemwege sind verengt (obstruktiv), wodurch die Atmung erschwert wird. Besonders bei Belastung führt das mitunter zu heftiger Atemnot. Betroffene müssen häufig husten, und es kommt zu vermehrter Schleimbildung – alles Symptome, die besonders Raucher häufig haben, weshalb man COPD mitunter auch lapidar „Raucherhusten“ nennt. „Das Problem ist, dass die Krankheit nicht weh tut“, erklärt Wiewrodt. „Deshalb gehen Betroffene meist viel zu spät zum Arzt.“

Die überwiegende Mehrheit der COPD-Kranken sind Raucher, Ex-Raucher oder in anderen Bereichen starkem Rauch ausgesetzt. „Erste Maßnahme muss deshalb natürlich sein, dass der Patient mit dem Rauchen aufhört“, sagt Wiewrodt. Zur weiteren Therapie gehören dann hauptsächlich Medikamente, die die Atemwege erweitern. Zwar ist COPD nicht heilbar, mit entsprechenden Medikamenten kann jedoch eine Verschlimmerung der Erkrankung über viele Jahre aufgehalten und die Lebensqualität der Betroffenen erhalten werden.

Doch auch Menschen, die nie in ihrem Leben an einer Zigarette gezogen haben, können an COPD erkranken. Einer davon ist Heleen ­Groen: Ursache für ihre Krankheit ist ein genetisch bedingter Mangel an Alpha-1-Antitrypsin (AAT). Dieses Eiweiß schützt normalerweise die Lunge vor körpereigenen Enzymen, die durch das Absterben von weißen Blutkörperchen zur Immunabwehr entstehen. Ist zu wenig Alpha-1 vorhanden, zerstören diese Enzyme die Lungenbläschen – der Körper wird nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt. Es hat Jahre gedauert, bis bei Heleen Groen endlich die Diagnose COPD gestellt wurde. Seit Februar muss sie einmal die Woche vom niederländischen Groningen ins UKM nach Münster fahren, um dort AAT-Infusionen zu erhalten.

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Husten, vermehrte Schleimbildung: COPD äußert sich bei vielen Menschen ähnlich wie Asthma.

„Das Medikament ist allerdings so teuer, dass in den Niederlanden keine Krankenkasse die Behandlung zahlt. Meine Gesundheit hat also einen sehr hohen Preis“, erzählt die 38-Jährige. Dass die dringend benötigten Infusionen in den Niederlanden zwar verfügbar sind, den Patienten aufgrund der hohen Kosten jedoch nicht verabreicht werden, frustriert ­Groen.

Umso dankbarer ist sie, in Münster behandelt zu werden: „Ohne die Therapie wäre ich vielleicht schon tot.“ In jedem Fall würde es ihr deutlich schlechter gehen. Möglich ist Groens Behandlung nur, weil die Uniklinik Münster einen Vertrag mit ihrer Krankenkasse unterhält – sie selbst ist die erste Niederländerin, die hier behandelt wird.

Heute kann Heleen Groen wieder ein halbwegs normales Leben führen, in ein paar Monaten vielleicht wieder arbeiten gehen und alleine wohnen – all dies Dinge, die vor Beginn ihrer Behandlung unmöglich waren.

Doch auch für Patienten, deren Körper genügend AAT produziert, kann COPD lebensbedrohlich werden, wenn ihre Lunge zu häufig Schadstoffen ausgesetzt ist. Einige mögen sich noch an den hustenden Vater oder Großvater erinnern, dessen Lunge nach jahrelanger Arbeit im Bergwerk kaum noch arbeitete – „bis vor einigen Jahren litten fast alle Bergleute an COPD“, so Wiewrodt. Neben dem Rauchen und schädlichen Stoffen in der Luft können auch häufige Infektionen der Atemwege das Auftreten von COPD begünstigen. So sind bei Frauen über 70 Jahre wiederholte Atemwegsinfekte eine häufigere Ursache als das Rauchen. Wiewrodt: „Auch wenn immer mehr Wissen über COPD vorhanden ist, muss sich das Bewusstsein für COPD als echte Volkskrankheit erst noch entwickeln.“

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