Fr., 17.04.2015

Heime versuchen, mehr Mobilität und Menschenwürde herzustellen Frei von Fesseln

Eine an Demenz erkrankte Bewohnerin

Eine an Demenz erkrankte Bewohnerin Foto: dpa

Münster - 

In Seniorenheimen werden oft Senioren fixiert, um sie vor Stürzen zu schützen. Das bedeutet aber einen Verlust von Mobilität, von Freiheit. Im Martin-Luther-Haus geht man einen anderen Weg.

Von Eva Böning

Das Martin-Luther-Haus ist am Ziel: Körpernahe Fixierungen wie Bauchgurte und Bettgitter sind in dem Altenheim der Diakonie Geschichte. Seit 2013 hat die Einrichtung daran gearbeitet, freiheitsentziehende Maßnahmen zu reduzieren. 40 Bewohner waren damals fixiert. Momentan wird keiner mehr an Bett oder Stuhl gefesselt.

Mit einer Bewohnerin begann im Martin-Luther-Haus der Umschwung. „Sie hat die Verwaltung in ihrer charmanten, lebensfrohen Art oft unterhalten“, erzählt Einrichtungsleiterin Eva Kölbl . Dann baute sie ab, kam in die Psychiatrie.

Als sie ins Martin-Luther-Haus zurückkehrte, musste sie fixiert werden. Zu ihrem eigenen Schutz. „Es war traurig anzusehen. Sie hat weder gegessen, noch gesprochen“, sagt Kölbl. Zeitgleich rief die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe das Projekt zur „Reduzierung von freiheitsentziehenden Maßnahmen in stationären Altenhilfeeinrichtungen“ ins Leben. Das Martin-Luther-Haus war eine von vier Einrichtungen in dem Bezirk, die sich beteiligten und ihren Heimalltag umstrukturierten.

Für die Bewohnerin wurde ein „Walker“ gekauft, ein Wagen, in dem sich die Patienten stehend und sitzend fortbewegen können, ohne herauszufallen. Dann kamen Niedrigbetten, Sturzmatten und Helme.

Zusätzlich machen die Bewohner regelmäßig bei einem Kraft-, Balance-, und Wahrnehmungstraining mit. „Fit für 100“ heißt das Programm und wird in einem Großteil der Münsteraner Altenheime mittlerweile angeboten.

Carmen Feitsma, Pflegedienstleisterin, und Wohnbereichsleiter Ludwig Hillebrand mit einer Heimbewohnerin.

Carmen Feitsma, Pflegedienstleisterin, und Wohnbereichsleiter Ludwig Hillebrand mit einer Heimbewohnerin. Foto: Eva-Marie Böning

Für das Personal bedeutet die Umstellung mehr Arbeit. Sobald die sturzgefährdeten Bewohner aufstehen, müssen sie ein Auge auf sie haben. „Gerade in den Nachtschichten rotieren wir ordentlich“, sagt Wohnbereichsleiter Ludwig Hillebrand .

Unter den Pflegern bestand zu Beginn die Angst, dass es durch die Reduzierung mehr Stürze geben würde, für die sie in die Verantwortung genommen werden konnten. Der befürchtete Anstieg von Unfällen blieb aber aus.

„Heute sind die Angehörigen am ehesten noch Befürworter der Fixierungen. Die haben Angst, dass wir für ihre Väter und Mütter nicht die optimale Sicherheit gewährleisten “, sagt Kölbl.

Entscheiden, ob freiheitsentziehende Maßnahmen angewandt werden, können die Angehörigen nicht. Die Verantwortung dafür liegt allein beim Betreuungsgericht. In Münster hat das Amtsgericht laut Richter Dr. Matthias Bäumer den „Werdenfelser Weg“ eingeschlagen.

Gemeint ist damit eine weitere Strategie, Fixierungen langfristig zu reduzieren: Wenn das Gericht eine freiheitsentziehende Maßnahme anordnet, wird gleichzeitig ein Verfahrenspfleger bestellt. Der kontrolliert regelmäßig, ob die Maßnahmen noch immer erforderlich sind, oder es mildere Mittel gibt.

Kölbl lobt diesen Weg: „Wenn wir Fixierungen zurücknehmen, haben unsere Bewohner mehr Freiheit. Freiheit bedeutet Menschenwürde.“

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