Kultur Münster
So., 15.11.2009
Tröstende Kerzen in der Dämmerung
|
|
Münster - Wenn um diese Jahreszeit nichts als Regen auf das sterbende Blattgold in den Straßen fällt, schlägt auch die Stunde der Requiem-Aufführungen. Und „Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms, das in herber Melancholie Tröstung im Glauben sucht, passt besonders gut. Michael Preisers intensive Aufführung füllte die Lambertikirche am Samstagabend bis auf den letzten Platz. Und bot mit dem „orchestralen Requiem“, das der Georgier Giya Kancheli im Jahr 1989 für Viola und Orchester schrieb, eine berührende Novität, die in Münster erstmals zu hören war: „Vom Winde beweint“. Sie allein hätte das Konzert gelohnt.
Das leicht zugängliche Stück wurzelt in uralter Vokalpolyphonie der georgischen Heimat Kanchelis und wurde für Yuri Bashmet geschrieben. Eine Meditation über Trauer, Weite und Einsamkeit, die atmosphärisch durchaus an Arvo Pärt gemahnt. Alles andere als ein Virtuosenstück, sucht es in langsamen Kreisbewegungen seinen Ausdruck nicht in der Melodie, sondern buchstäblich in jedem einzelnen Ton. Die junge armenische Bratschistin Armine Abrahamyan spielt diese fahlen Emotionen so karg, wie es sein muss, und spürt den Ausdrucksnuancen bis ins fünffache Pianissimo nach. Ein gut halbstündiges Traueradagio - gedehnte Zeit, so weit wie die kaukasische Steppe. Nur manchmal bäumt das Orchester sich schmerzvoll mit krachenden Pauken auf. Die sehr gute Orchesterakademie NRW ist klanglich das Rückgrat des Abends.
Auch Johannes Brahms hatte ein Faible für den herben Bratschenklang. Nicht umsonst lässt er die Violinen im ersten Satz seines Requiems schweigen. Michael Preiser vereint einmal mehr „seine“ Chöre, den münsterschen Oratorienchor und den Konzertchor Bielefeld. Wiederum macht sich die starke Dominanz der Frauenstimmen bemerkbar, die sich bei Spitzentönen auch mal unschön aneinander reiben.
Indes den Trauermarsch „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ macht die von Preiser präzise geführte Sängerschaft zum dramatischen Herzstück des Werkes. Dunkler, melancholischer Brahms-Klang, in den sich die Gesangssolisten erstklassig einfügen. Bariton Torben Jürgens deklamiert sehr textgenau und angemessen herb. Wenn es dann aber im fünften Satz - gemäß dem Motto Konzerts - heißt „Ihr habt nun Traurigkeit“, kündet Uta Schwarzkopfs lyrische Sopranstimme von inniger Tröstung. Wie eine einsame Kerze in der Dämmerung des Novembers.
|
|
