Kultur Münster

Di., 21.04.2009

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Wie heißt ein halb Schwarzer?

Noah Sow macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube und schildert ihr Land ungeschminkt: korrupte Politiker, ethnische Konflikte, skurrile Sitten.Foto: (ber)
Von Maria Berentzen

Münster - Rassismus? Na ja, den gibt es schon in Deutschland, als ein Randphänomen. Aber wir? Wir sind doch die Guten, die Aufgeklärten, wir wissen, was Rassismus ist und sind immun dagegen. „Denkste“, sagt Noah Sow und hat dazu ihr kluges Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ verfasst, aus dem sie am Dienstagabend in der Stadtbücherei las.

Als Sow die Bühne betritt, eine Bierflasche in der Hand, eine Astra-Tätowierung am linken Innenarm, ahnt man schon: Hier wird es nicht bierernst zugehen, sondern durchaus mit Humor, Selbstironie und hintergründiger Polemik, auf keinen Fall aber zahm. „Es ist schwieriger, ein Vorurteil zu zerstören als ein Atom“, zitiert Sow Albert Einstein, bevor sie mit ihrer Lesung beginnt.

Sow will ihre Leser sensibilisieren: Dafür, wo Rassismus beginnt und wie unbemerkt er sich in den Alltag schleicht. Sie liest über Farb-, Rassenzuschreibungen, über die verzweifelte Frage, die sie mit naiv geweiteten Augen stellt: „Ja, aber wie soll ich jemanden nennen, der halb schwarz ist?“ und donnert zurück: „Wie wärs mit. . .Tanja?“

Auch wenn Sow Bandwürmer benutzt wie den „Hautfarbenkategorisierungsdrang“ der Gesellschaft, so versteht man doch, was sie meint. Humoristisch beleuchtet sie die Privilegien Weißer: „Sie können barfuss im Batikkleid tanzen, ohne rassistische Vorurteile hervorzurufen. Sie können bekifft zu spät kommen, dealen und Trommel spielen - ohne rassistische Vorurteile hervorzurufen.“ Bei Schwarzen sei das jedoch anders.

Zahm ist sie wirklich nicht, eher wütend, fast bissig, aber doch nachsichtig, wenn sie jedem unterstellt, „grundsätzlich ein guter Mensch zu sein“. Selbstironie zeigt sie bei der Beschreibung ihrer Heimat: Ein Land, das mit Verschuldung, korrupten Politikern und ethnischen Konflikten kämpft und dessen benachbarte Stämme Kinderschädel bemalten. „Das Land heißt natürlich - Deutschland“, sagt sie. Denn Sow stammt aus Bayern, und nebenan, in Tirol, bemalte man Schädel, um sie ins Regal zu stellen.

Dann klingelt ihr Handy. „Das ist mein Wecker, damit ich nicht so lang quatsche“, grinst Sow. Doch einen Seitenhieb kann sie sich nicht verkneifen: Die Debatte zur deutschen Leitkultur: „Zum Beispiel das Beherrschen der deutschen Sprache. Da müsste man 20 Prozent der Bevölkerung direkt ausweisen, alle Bayern“, freut sich die gebürtige Bayerin, und: „Wahrscheinlich ist Stoiber deshalb nach Brüssel gegangen. Weil er sich selbst ausgewiesen hat.“


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