Mi., 06.05.2015

Interview mit Farin Urlaub "Kannste nicht mal dein Bregen anstrengen?"

Interview mit Farin Urlaub : "Kannste nicht mal dein Bregen anstrengen?"

Farin Urlaub kommt zwar nicht mit einem Football-, aber mit seiner Band „Racing Team“ nach Münster. Foto: Olaf Heine

MünsteR/Berlin - 

Ein Interview mit Farin Urlaub ist immer ein Erlebnis. Die Antworten sind lustig und schlagfertig. Der Sänger der Band „Die Ärzte“ hat eine Berliner Kodderschnauze, sodass man ihn gar nicht Siezen kann. Schon gar nicht, wenn man über Rindshirn und Grünkohläquator philosophiert.

Von Carsten Vogel

Wo bist du gerade?

Farin Urlaub : Neben Madlen (die Pressekontaktfrau, die dieses Gespräch arrangiert hat, die. Red.). An ihrem Schreibtisch. Sie muss jetzt stehen, während wir reden.

Du hast es gut...

Farin: Es steht nur ein Stuhl hier im Büro. Wer interviewt wird, darf sitzen, der andere muss stehen (lacht). 

Das Gespräch ist von Beginn an lustig. Es wird gealbert und gelacht. Ich erinnere Farin Urlaub daran, dass wir vor sechs Jahren mal  miteinander gesprochen haben und er tut sofort so, als würde er mich kennen: „Ach du bist‘s, Carsten !“ Ich schmiere ihm etwas Honig um den Mund und erzähle, dass ich eine sehr positive Kritik über das damalige Konzert geschrieben hätte, in der die Halle Münsterland sich in eine Hüpfburg verwandelte.

Bei der aktuellen Tour ist das Palladium in Köln bereits zweimal hintereinander ausverkauft. Münster nicht...

Farin: (lacht) Ja, die Schweine. Hättest du mal was anderes geschrieben. Nein, ich versteh es auch nicht. Nach der Kritik von Carsten Vogel muss doch alles super sein. Vielleicht habe ich auf lokale Befindlichkeiten nicht genügend Rücksicht genommen. Es gibt keine Lieder über Münster auf dem neuen Album, vielleicht sind deshalb die Münsteraner nachtragend.

Das ist übrigens etwas, was mich derzeit bei Konzerten stört. Künstler biedern sich auf der Bühne an und rufen den Namen des Auftrittsortes häufiger als Fußballfans im Stadion.

Farin: Das habe ich auch nie verstanden. Insbesondere wenn der Rockstar in einem kleinen Club vor 400 Leuten steht und ruft „Hallo Berlin !“ Dann denkst du auch, Berlin hat rund 3,5 Millionen Einwohner, das sind dann doch ein paar mehr. Das ist bestimmt die gedankliche Abkürzung die Musiker nutzen, weil sie sich auf ihre Akkorde und Texte konzentrieren müssen. Da kann man sich nicht auch noch gute Ansagen merken.

Ich kann ja verstehen, dass man lokalen Bezug herstellen will...

Farin: Das Schlimme ist aber, dass es funktioniert. Du sagst in Köln „Köln“ und die Leute lieben dich.

Aber es macht jeder...

Farin: Ja, und vielleicht denken deshalb alle, sie müssten es mitmachen. Ich versuche die Leute da abzuholen, wo sie stehen, nämlich vor der Bühne. Das heißt, es wird namentlich begrüßt...

Alphabetisch natürlich (lacht)...

Farin: Genau. Alle Andreasse, hey (lacht). Dauert zwar ein bisschen, man hat auch nicht mehr so viel Zeit zu spielen, aber mein Gott... Dafür war es echt persönlich.

Verlosung

Wir verlosen drei mal zwei Eintrittskarten für das Konzert des Farin Urlaub Racing Teams am 2. Juni 2015 in der Halle Münsterland. Hinterlassen Sie einfach bis zum 11. Mai unter der Nummer 0137 / 808400634 (50 Cent/Festnetzanruf, mobil ggf. abweichend) Ihren Namen, Ihre Adresse und Telefonnummer sowie das Stichwort „Farin Urlaub“.

Vielleicht ist es deshalb nicht ausverkauft, weil du ja gerade auf Clubtour in Emsdetten warst. Die Idee , nur in Orten mit „-furt“ am Ende aufzutreten, fand ich lustig. Wie wäre es denn, jetzt mal ein Album aufzunehmen mit Maria Furtwängler oder Nelly Furtado?

Farin: Och nee. Ich fand den ersten Witz schon ziemlich flach. Aber den auch noch breitzutreten.

Was? Flachwitze sind doch super!

Farin: Ja, ich weiß, ich lebe davon (lacht).

Im vergangenen Jahr lief „Richy Guitar“ in Münsters Open-Air-Kino.

Farin: Oh, hör auf...

Der Film ist jetzt 30 Jahre alt. Gut, Erstsemester mögen den nicht kennen, würdest du denen empfehlen, sich ihn anzuschauen?

Farin: Ich habe den Film gehasst. Ganz schlimm. Der Hauptdarsteller kann überhaupt nicht schauspielern... 

Ich versuche ironisch zu kontern und sage Nena, aber Farin versteht Bela und erwidert sofort, dass er den anderen meine – also sich selbst. Bela attestiert er aber schauspielerisches Talent. Nur wurme es ihn, dass alle Leute immer dachten, es ginge in dem Film um „Die Ärzte“. Am liebsten würde er den Film ungeschehen machen.

Meine Freundin hat nach dem Film gesagt: „Der Film ist schlecht. Aber so schlecht, dass er wieder gut ist.“

Farin: Ich bin halt nur bis zum ersten Satz gekommen (lacht).

Auf Spotify gibt es kein Racing Team, keine Ärzte. Warum?

Farin: Weil ich strikt dagegen bin. Wenn ich jemandem etwas schenken möchte, dann mache ich das persönlich.

Ist das denn schenken?

Farin: Ja. Folgende Anekdote dazu. Die Leute von Spotify waren sich so sicher, dass diese komischen Krautbands, von denen sie noch nie etwas gehört haben, auch mitmachen würden. Und dann waren wir für ein paar Tage auf Spotify, bis unsere Anwälte Einspruch erhoben haben. Es waren ungefähr 200.000 Abrufe. Und ein Jahr später kam die Abrechnung. Ich hätte es fast nicht bemerkt.

Wie? So wenig?

Farin: Ich glaube ungefähr 16 Cent. Und jetzt frage ich dich: Warum glaubst du, möchte ich als Musiker nicht auf Spotify sein?

Gut, reich wirst du dadurch nicht...

Farin: Ich hab ja genug Geld, aber dann sollen die Leute bitte die Eier in die Hand nehmen und alles ganz illegal herunterladen. Das ist ein Schlag ins Gesicht jedes Musikers. Was für ein Dreck.

Ich hatte mal gelesen, dass Taylor Swift sechs Millionen Dollar durch Spotify verdient.

Farin: Nein, die hat das Geld verdient, weil Spotify mit ihrem Namen Werbung machen kann.

Das klingt ja nicht nach einem Erfolgsmodell.

Farin: Spotify will den Musikern einen Hungerlohn zahlen. Die Leute aber sollen auf Spotify kommen und sich die Werbung anhören. Daran verdienen sie zwar, geben es aber nicht an die Musiker weiter. Ich bin davon so angewidert, dass ich da weder als Kunde noch als Musiker sein möchte.

 

Als Kunde bist du auch bei keinem sozialen Netzwerk.

Farin: Um Gottes Willen, ich habe doch richtige Freunde.

Na gut, vielleicht braucht ihr keine Werbung mehr, aber vielleicht wäre ein soziales Netzwerk ja eine geeignete Plattform, um eure sozialen Anliegen zu promoten.

Farin: Ja, jetzt stell dir mal vor, du bist auf Facebook und hast deine 20 Lieblingsbands – so viele hat man ja im Durchschnitt – geaddet und jede von denen will die Welt retten. Und das flutet dann deine News-Seite. Wie ernst nimmst du denn das dann noch?

Hm, das relativiert sich...

Farin: Ich finde das absolut furchtbar. Du kannst natürlich argumentieren: Alter, du bist 1963 geboren, das ist jetzt das Leben. Aber dann muss ich daran nicht teilnehmen.

Hast du nicht das Gefühl, dass du dich von der heutigen Jugend entfernt hast, dass sie weltfremd geworden ist?

Farin: Nein, das ist zu pauschal. Ich persönlich halte soziale Netzwerke für Zeitverschwendung. Ich besuche meine Freunde von Angesicht zu Angesicht und dann reden wir. Gut, wir telefonieren auch oder schreiben SMS. Aber ich muss nicht allen mitteilen, dass ich gerade ein Ei gelegt habe. Um Himmels Willen. So interessant ist mein Leben nicht, und so interessant ist auch das Leben anderer nicht.

Sprechen wir mal über dein aktuelles Album.

Farin: Danke schön.

Ja, natürlich, entschuldige.

Farin: (lacht) Nein, ist alles gut.

Warum heißt der Song „iDisco“ denn so und nicht zum Beispiel „iDiot“?

Farin: Man kann auch mal abkürzen. „Idiotendisco“ ist der Arbeitstitel. Das klingt aber nicht so gut wie „iDisco“.

Und ich Idiot bin nicht drauf gekommen...

Farin: Lalala (lacht). Da kann man auch nicht drauf kommen. Aber klar ist es auch eine Anspielung auf die Firma, die vor allem ein kleines „i“ setzt. Uh, das ist alles ganz modern.

 

Kommen wir zum Wort „Bregen“. ‘Äh...

Farin: (lacht) Es gibt da wohl kulturelle Unterschiede, denn für mich ist das ein völlig normales umgangssprachliches Wort. Kannste nicht mal dein Bregen anstrengen? Fachterminus für Rindshirn, aber für mich so normal, dass ich gar nicht wusste, dass andere es nicht kennen. Bis die ersten Fragen kamen, was denn Bregen sei. Das ist doch nicht euer Ernst, Leute!

So wie „knorke“ vielleicht?

Farin: Nein, das ist kein Berliner Ausdruck. Eher Nord-Süd- oder Ost-West-Gefälle. Ich weiß es nicht. Ich habe die Stichprobe gemacht, und in meinem Bekanntenkreis wusste jeder, was ein Bregen ist. Ich habe aber auch ausschließlich Veterinärmediziner als Freunde, vielleicht sollte ich das dazu sagen (lacht).

Es gibt einen Grünkohläquator, vielleicht ja auch einen für Bregen?

Farin: Das sollten wir mal herausfinden (lacht). Ich freue mich auf Rückmeldung.

In dem Lied „Dynamit“ kommt die Zeile vor „Dynamit - Architekturkritik, die man tatsächlich sieht“.

Farin: Auf die Zeile bin ich so stolz, das kann ich dir gar nicht sagen. Ich musste tatsächlich den Stift beiseite legen, weil ich fünf Minuten lang herzhaft lachen musste. Das klingt jetzt sehr narzisstisch, aber das Schöne beim Texte-Schreiben ist doch, dass man sich selbst überraschen kann.

Ich habe auch sehr gelacht. Jetzt ist das Album schon etwas älter. Und wenn ich dann daran denke, wie der IS gerade Nimrud gleichgemacht hat...

Farin: Das ist ja keine Architekturkritik. Denen geht es darum, dass sie gerne im Jahr 800 leben wollen - und alles, was davor oder danach war, soll bitte verschwinden. Die Diskrepanz ist aber, dass sie das auf Sozialen Netzwerken teilen, weil sie sich ja der westlichen Sachen bedienen müssen. Es ist so traurig. Für uns ist es „schlimm“, weil wir sehen, dass ein Weltkulturerbe zerstört wird. Aber in Wahrheit zerstören sie die ganze Herkunft und die ganze Vergangenheit eines Volkes. Alles, was wichtig ist, was sie definiert, soll dem Erdboden gleichgemacht werden und das ist so hart.

Aber dir geht es wahrscheinlich eher um Gentrifizierung?

Farin: Nein, in „Dynamit“ geht es um etwas anderes: die gleichgeschalteten Innenstädte, in denen nur noch Chainstores sind. Egal auf welchem Kontinent und egal in welcher Stadt, die Haupteinkaufsstraße sieht überall gleich aus. Es gibt keinen Schatten, keine richtigen Sitzplätze: Du sollst dein Geld ausgeben und dann schnell wieder verschwinden, ein Kaffee kostet 20 Euro. Nein, vielen Dank. Es ist kein IS-Verherrlichungssong (lacht).

Das ist klar bei deiner politischen Positionierung. Und dennoch: Wenn du auf der Tour jetzt in Dresden spielst, wirst du das nutzen, um etwas gegen Pegida zu sagen?

Farin: Bei dem Publikum, das zum Racing Team kommt...

... erwartest du das nicht.

Farin: Das wäre „preaching to the converted“ und das ist nicht mein Ding. Ich sage in München ja auch nicht, was der FC Bayern für eine tolle Mannschaft ist. Wenn ich so etwas sagen wollen würde, dann woanders. Und nicht ausgerechnet in Dresden. Aber meine Meinung ist nun wirklich kein Geheimnis.

Ein schönes Schlusswort. Ich danke dir.

Farin: Ich danke auch. Viele Grüße nach Ost-Westfalen (lacht).

Wir sprechen uns dann in sechs Jahren wieder.

Farin: (lacht) Super! Bis dahin!

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