„Dirty Dancing“ mit dem Rollator

So., 05.02.2012

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Die karnevalistische Karnevalsschau „Kappe App“ ist jetzt „in den besten Jahren“

„Dirty Dancing“ mit dem Rollator : Die karnevalistische Karnevalsschau „Kappe App“ ist jetzt „in den besten Jahren“

Das Altern macht auch vor dem Kappe-App-Ensemble nicht Halt: Am Stock, auf Krücken und Rollatoren nehmen die Alternativ-Karnevalisten jetzt die Überalterung der Gesellschaft aufs Korn Foto: msc

Münster - 

Spätestens da hat sich der Eintritt schon gelohnt – bei Szene fünf von insgesamt 24. Frau Pieper (Kascha B.) wünscht einen „wunderschön-depressiven“ Abend, alle sollen aufstehen und tun das auch, sichern das Weizenbier, legen Mettbrötchen und Mett­endchen beiseite, um mal ordentlich zu nörgeln, im Kollektiv zu jammern, zu sagen, wie schlecht und schwierig und kompliziert doch alles ist. Das gefällt dem Deutschen, insbesondere dem Rentner, der stets von Strompreiserhöhung zu Nullrunde gejagt wird. Und dann noch für die faulen Griechen zahlen soll!


Kappe App ist jetzt in den besten Jahren. Zumindest heißt das Programm so, das die Alternativ-Karnevalisten zurzeit in der Kulturschiene aufführen. Die Idee dazu kam beim Bühnenabbau im vergangenen Jahr, lange bevor 2012 von der EU offiziell zum „Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen“ gemacht wurde. Bleibt die Frage, wie passives Altern aussieht. Und wie es um die Solidarität bestellt ist. Brachiale Antworten liefert sogleich Willy Ludwig auf der beigen Bühne, gerahmte Kinderfotos im Rücken – von damals, als alles irgendwie noch besser war und die Zahl der Rentner („dieses parasitäre Pack“) sich noch in Grenzen hielt. Anschaulich beschreibt er die „Dreifaltigkeit der Vergreisung“ aus Rollatoren, Treppenliften und Wärmedecken, für die die Jüngeren in den „Burnout-Mühlen“ der Republik schuften müssten, während Teile dieser „debilen Leezenmafia“ auf Elektrorädern unterwegs sei und jede Prostataoperation mitnehme – „auch kurz vor ihrem längst überfälligen Ableben“. Es ist die Überhöhung dessen, was unterschwellig an Vorurteilen in der Gesellschaft vorhanden sein mag. Herrlich auch, wie Manni Kehr und Co. in einer Szene dann junge Männer spielen, mit Schinkenwurst und Döner bewaffnet, Riesenbäuche vor sich hertragend, unbeweglicher als so mancher 90-Jähriger, und über „feiste Alte“ spotten, die bei keiner Frau mehr zum Zuge kommen. Zumal Christina Hindersmann, Corinna Bilke und Tobias Karsten unter Beweis stellen, dass Dirty Dancing und Rollatoren sich keineswegs ausschließen. Bei „Time of My Life“ rollt Christina Hindersmann über die Bühne, wirbelt auf vier Rädern. Kappe App regt wieder einmal zum Nachdenken an, stellt indirekt die Frage, wie gut es früher wirklich und wie schlecht es heute tatsächlich ist. Und zeichnet bei aller Übertreibung doch ein differenziertes Bild, zu dem der Rentner in Armut (Manni Kehr), der im Laden so manchen Wein mitgehen lässt, genauso gehört wie der golfende 40-jährige Frühpensionär (Matthias Menne), der lieber das Geld für sich arbeiten lässt. Die nächsten Termine: 10.2, 11.2, 17.2 (20 Uhr); 18.2 (15 und 20 Uhr); 19.2 (18 Uhr). Kulturschiene am Nebeneingang des Hauptbahnhofs.   | www.kappe-app.de

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