Sa., 05.05.2012

Shakespeares „Sommernachtstraum“ in Münsters Gasometer Ein tolles Spektakel

Münster - „Lysaaaaander“, schallt es laut durch die Nacht. Die kleine Hermia (Saskia Boden) vermisst ihren Geliebten, mit dem sie aus Athen in den Wald geflohen ist, und hockt nun mutterseelenallein auf einer der Inseln, die sich aus der Tümpellandschaft erheben. Um sie herum ist alles dunkel, über ihr sind nicht mal Sterne zu sehen, geschweige denn der Mond. Armes Mädchen.

Von Harald Suerland

Doch es kommt noch ärger in diesem „ Sommernachtstraum “: Wenn der durch Zauberkraft verblendete Lysander ( Alexander Gier ) zurück ist und jetzt den bebrillten Backfisch Helena begehrt (Sarah Zaharanski), führt der Eifersuchtsstreit beide Mädchen in eine Schlammpfütze, in der sie sich erst unfreiwillig beschmutzen und schließlich nach allen Regeln der Kunst einschlämmen. Auch Lysander und sein Rivale Demetrius (Sven Heiß) bleiben nicht ungeschoren, so dass das jugendlich-propere Fernseh-Soap-Quartett schließlich als zugesauter Haufen endet.

Meinhard Zanger , Intendant des Wolfgang-Borchert-Theaters, zieht seine Shakespeare-Inszenierung als drall-sinnliches Spektakel auf. Und liegt mit dieser Entscheidung völlig richtig, weil der Raum, den er bespielt, genau danach verlangt. In der großartigen Industrieruine des Gasometers müssen die Schauspieler klangvoll tönen und weite Wege zurücklegen, um den Raum zu füllen und zugleich das Publikum zu erreichen. Was ihnen dermaßen begeisternd gelingt, dass das Premierenpublikum am Freitagabend kurz vor 23 Uhr klatschend und trampelnd die Tribüne beben lässt.

Es ist eine kleine Theaterreise, auf die Zanger die Zuschauer mit den feierlichen Fanfarenklängen des Komponisten Wolfgang Florey einlädt. Ausstatter Darko Petrovic führt sie durch verschlungene Gänge im großen Rund zunächst auf eine Art Marktplatz, an dem die musizierenden Athener Handwerker sich schon auf jene Tragödie vorbereiten, die sie später vor Herzog Theseus aufführen wollen. Der zieht auf der Rückseite des Platzes ein, mit Hippolyta, die er sich gewaltsam zur Gattin wählte. Auch die jugendliche Streithähne sind dabei und beschließen bald, in den Wald zu fliehen, wohin ihnen erst die Handwerker und dann die Zuschauer folgen: Abermals durch verschlungene Gänge geht es in die andere Gasometer-Hälfte, wo fürs Publikum eine Tribüne und für die Schauspieler die Insellandschaft aus hölzernen Spielflächen errichtet ist. Und hier beginnt Shakespeares eigentliches Zauberspiel.

Fackeln beleuchten die natürlichen Wasserpfützen auf dem Gasometer-Grund, Schweinwerfer sorgen für geheimnisvolle Atmosphäre, ein Christo-artig verpackter Baum möchte wohl den Mond spielen, so lange der echte sich versteckt. Allein schon diese Szenerie, angereichert durch idyllische Uferpflanzen und einen Pool für Elfenkönigin Titania (Monika Hess-Zanger) ist den Besuch der Aufführung wert – zumal irgendwann hoch droben auf dem Gasometer-Gerüst einer der Handwerker für einen Kurz-Auftritt erscheint: lauter schöne Schau-Effekte. Zu denen gehört auch die Besetzung mit Klaus Nierhoff, der als langmähniger Elfenkönig Oberon mit halb entblößtem Oberkörper zeigen darf, wo das Testosteron-Zentrum dieses Stückes ist, und Sabrina vor der Sielhorst als Hermaphrodit Puck im Domino-Look.

Dass die fackelschwingende Elfenschar einem Gymnastik-Kursus entsprungen scheint, ist einer der vielen ironische Akzente, die Meinhard Zanger in seiner Inszenierung setzt. Clever hat er sich die romantische Schlegel-Übersetzung des Shakespeare-Stückes vorgenommen und ihr moderne, bisweilen kabarettistische Momente beigemischt. So möchten die Handwerker am liebsten zum Hindenburg- nein: zum Schlossplatz eilen, und der eifersüchtige Oberon, kein Kind von erotischer Traurigkeit, skandiert keck: „Who the fuck is Phyllis?“ Was die Streithähne sich an Schimpfwörtern an die Köpfe knallen, sucht man ebenfalls vergebens im Schlegel-Text. Großartig zudem, dass Oberon und Puck während der Schlammschlacht eine Folie vor den Zuschauern der ersten Reihe ausrollen und ihnen auftragen, mit ihr das Publikum auf den billigen Plätzen zu schützen.

Bei allem Spaß und Schau-Effekt aber, bei aller zirzensischen Wucht der tollen Open-Air-Produktion mit finalem Feuerwerk setzt sich am Schluss Shakespeares ureigene Komödiantik durch: Wenn die Handwerker so wunderbar unbeholfen ihre Tragödie aufführen, wird die Truppe um den eifrigen Squenz (Heiko Grosche) und den eitlen Zettel (Jürgen Lorenzen) endgültig zum Publikumsliebling. Meinhard Zanger, dem virtuosen Zampano des Spektakels, dürfte das gefallen: Es ist beste Werbung fürs klassische Theater.

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