So., 23.06.2013

„Sozialpalast“ im Gasometer Vor und auf der Mattscheibe

Gemütlich: Steffi Bockermann und Toto Hölters spielen die beiden „Couchpotatoes“, die sich in ihrem Wohnzimmer im Gasometer über so manche Merkwürdigkeit im Fernsehen wundern.

Gemütlich: Steffi Bockermann und Toto Hölters spielen die beiden „Couchpotatoes“, die sich in ihrem Wohnzimmer im Gasometer über so manche Merkwürdigkeit im Fernsehen wundern. Foto: Peter Sauer

Münster - 

Das Private öffentlich machen und das Öffentliche privat – geht das? Ja, nach der Lesart des Ensembles Sozialpalast aus Münster schon.

Von Peter Sauer

Es ist Freitagabend. Mit Chips, Gurken und Bier hat es sich das Pärchen auf dem Sofa gemütlich gemacht. Es schaut, umringt von einer halben Lampenabteilung, in die Flimmerkiste. Hinter ihnen stehen Mattscheiben, die andere Programme ausstrahlen. Das meiste, was sich das Paar zu sagen hat, sind Reaktionen auf das Programm. „Warum laufen in allen Nachrichtensendungen nur noch Demonstranten herum“, fragt sie empört, um später das Lächeln von Talkmasterin Barbara Schöneberger als „falsch“ zu diagnostizieren. Ihm ist das alles wurscht. Zwischendurch schließt er die Augen, simst er mit seinem Handy. Hauptsache, das Bier ist kalt.

Steffi Bockermann und Toto Hölters spielen die beiden „Couchpotatoes“. Nicht auf einer Bühne, sondern im Gasometer in Münster . Am vergangenen Freitag, Samstag und Sonntag – bei stets aktuellem Fernsehprogramm. Auf rostigem Boden, umringt von zwei Kameraleuten und einem Kommentator.

Denn was sie erleben, wird live auf einen großen Bildschirm übertragen. Der steht im Eingang des Gasometers. Dort sitzen die Zuschauer. Sie sehen in der Ferne das Geschehen im Gasometer und ganz nah alles im Fernseher vor ihnen. Wasserlachen auf dem Boden des Gasometers verhindern einen direkten Kontakt.

Und wozu das alles? Das Kunstprojekt Sozialpalast konterkariert gnadenlos komisch Günther Jauchs Talkshow aus dem Gasometer in Berlin-Schöneberg. Weg von „scripted reality“ und den ewig gleichen Worthülsen der ewig gleichen Talkgäste hin zu echten Menschen und Themen, die bewegen. Das gelingt dem Sozialpalast vortrefflich.

Am Freitag bekommt das TV-Pärchen Besuch von gesellschaftlich aktiven Menschen, die sich über Flüchtlingsströme, die Nazi-Demo im Rumphorst-Viertel und das Recht der Menschen auf freie Meinungsäußerung unterhalten. Keiner fällt dem anderen ins Wort. Das Publikum vor dem Gasometer hört angeregt zu, vor allem am Samstag, als der bekannte Comedian Johann König wie ein Wohnungsnachbar vorbeischaut. Alles improvisiert, ohne Netz und doppelten Boden – und ohne Dach. Der Regen spielt mit.

Das Sozialpalast-Projekt macht das Private des Pärchens und ihrer Gäste öffentlich und macht öffentliche Themen privat – durch die Reaktionen des Pärchens auf das Programm. Diese spannende Mixtur bot beste Unterhaltung. Welcher TV-Sender kann das von seinem Programm schon behaupten?

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