Theater Sycorax
Die Wut der Ausgeschlossenen

Münster -

Das Theater Sycorax erzählt Tschechows Novelle „Krankenzimmer Nr. 6“ mit Darstellern, die eine psychische Erkrankung selbst erlebt haben. Auf ihre Art bringen sie ein Schauspiel auf die Bühne, das die Grenzen zwischen krank und gesund aufweicht und von der Wut und Trauer Ausgeschlossener erzählt.

Freitag, 04.10.2013, 17:10 Uhr

Stühle und Staub: In diesem kargen Interieur spielt Tschechows Stück, aufgeführt vom Theater Sycorax.
Stühle und Staub: In diesem kargen Interieur spielt Tschechows Stück, aufgeführt vom Theater Sycorax. Foto: Ralf Emmerich

Eine Gruppe Menschen steht regungslos auf der Bühne. Die Frauen tragen lange Kleider und Strickjacken, die Männer Weste und Leinenhemd; hier und dort taucht ein Pelzmantel auf (Kostüme: Tina Toeberg). Wir befinden uns im Russland des 19. Jahrhunderts. Die Menschen, die regungslos vor sich hinstarren, sind Insassen einer Irrenanstalt, die dem Diktat der Willkür folgen müssen. Das erkennt auch die Ärztin, wenn sie sagt: „Wer eingesperrt ist, der sitzt. Wer nicht eingesperrt ist, geht spazieren.“

Die Psychiatrie im alten Russland ist vergleichbar mit einem Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Diskriminierung gibt es auch heute noch. Das Theater Sycorax erzählt Tschechows Novelle „Krankenzimmer Nr. 6“ mit Darstellern, die eine psychische Erkrankung selbst erlebt haben. Auf ihre Art bringen sie ein Schauspiel auf die Bühne, das die Grenzen zwischen krank und gesund aufweicht und von der Wut und Trauer Ausgeschlossener erzählt. Oxana Malexova hat für das Drama im Pumpenhaus eine wunderbare Bühne geschaffen. Das Publikum sitzt sich gegenüber; auf einer Seite, etwas erhöht, befindet sich das Zimmer der Ärztin, darüber erhebt sich eine vergitterte Balustrade, hinter der Koffer verstaut sind. Der Boden ist mit Staub bedeckt. Außer ein paar alten Holzstühlen gibt es kein Mobiliar.

Das Regieteam Paula Artkamp und Manfred Kerklau lässt das elfköpfige Ensemble sämtliche Emotionen durchleben. Mal sind sie traurig und resigniert, oft wütend, mitunter auch lebenslustig und neugierig auf die Welt außerhalb ihres Krankenzimmers. Über allem schwebt jedoch die für Tschechows Werke so typische Sehnsucht, und es verwundert kaum, dass plötzlich Zitate seiner anderen Dramen einfließen – etwa, wenn alle unbedingt nach Moskau wollen oder ein Baum gefällt werden soll.

Die Ärztin nähert sich den Kranken an, entwickelt Verständnis, wird immer vertrauter mit deren Ansichten, bis schließlich auch sie als verrückt abgestempelt wird. Die Willkür hat wieder zugeschlagen, ein weiteres Leben ist vernichtet. Bleibt die Frage, wie es um unsere Toleranz bestellt ist.

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Nächste Aufführung von „Krankenzimmer Nr. 6“: Samstag, 5. Oktober, um 20 Uhr im Pumpenhaus. Karten: 23 34 43.

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