So., 28.09.2014

„Tschick“-Aufführung im Borchert-Theater Mit Herz und Schnauze

Junge Leute auf der Straße: Florian Bender, Claudia Kainberger und Sven Heiss.

Junge Leute auf der Straße: Florian Bender, Claudia Kainberger und Sven Heiss. Foto: Kyoung Jae Cho

Münster - 

Den Hinweis auf Mark Twain im Programmheft hätte es nicht gebraucht. Zu deutlich sind die Ähnlichkeiten, die Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ mit dem amerikanischen Klassiker aufweist, mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Von Arndt Zinkant

Beides Jugendbücher, deren Tiefe ausreicht, um auch Erwachsene zu faszinieren. Hier wie dort schließt ein Junge aus bürgerlichem Hause Freundschaft mit einem Underdog. Herrndorfs Helden Maik und Tschick hielten sich über ein Jahr auf der Bestsellerliste, die Bühnenfassung von Robert Koall wurde von mehr als 30 Theatern gespielt.

Auch die Inszenierung von Tanja Weidner kam bei der Premiere im Wolfgang-Borchert-Theater glänzend an. Das Stück war als „Road-Trip“ betitelt, was an das Filmgenre Road-Movie denken ließ. Man befand sich im Grenzbereich von Roman und Film. Die Gedanken-Monologe der Hauptfigur Maik aktivierten das Kopfkino ebenso wie die spärlichen, doch effektvollen Requisiten und Lichteffekte (Bühne: Stefan Bleidorn). Eine zentrale Bühnen-Rutsche reichte mühelos, um sogar einen Auto-Crash zu simulieren – kaum möglich am früheren Borchert.

Maik (maßgeschneidert für Florian Bender) ist ein sensibler Loser. Ohne Selbstvertrauen und Freunde, derart langweilig, dass ihn die übrigen Achtklässler nicht einmal eines Spitznamens würdigen. So ist sein Selbstbild. Der Lethargie aus Langeweile, Schulfrust, trauriger Verliebtheit und elterlichem Streit entreißt ihn der coole Mitschüler Andrej Tschichatschow alias Tschick. Sven Heiß spielt ihn mit lässiger Outlaw-Attitüde und witzig hingenöltem Russen-Akzent. Mit einem „geliehenen“ Auto geht es „on the road“. Die Frotzeleien, mit denen diese Freundschaft aufkeimt, sind cool und lässig auf den Punkt geschrieben, so rotzig wie hintersinnig.

Und das restliche Personal? Wird komplett auf die zierlichen Schultern von Claudia Kainberger gewuchtet. Sie reizt ihre Rollen mit Wonne aus. Sei es Maiks Alkoholiker-Mutter, die Herumtreiberin Isa oder gar ein verbitterter Altkommunist mit Flinte, der den Kumpeln sein mahnendes „Carpe Diem!“ hinterherruft. Wer da an den „Club der toten Dichter“ dachte, lag wohl nicht falsch. Herrndorfs viele Zitate und Anspielungen legen den Finger auf die Wunde: Richtig originell ist „Tschick“ nicht. Doch er hat Herz und Schnauze auf dem rechten Fleck.

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