Künstler Rolf Tiemann
Dicke Bürger in kuriosen Situationen

Münster -

Rolf Tiemann war Lehrer. Jetzt darf er nur noch Künstler sein. Seine Bilder wimmeln von dicken Leuten.

Freitag, 18.09.2015, 18:09 Uhr

Der Lehrer und sein Schüler: Man sieht auf den ersten Blick, dass in der Schulrealität häufig fremde Welten aufeinandertreffen. Der pensionierte Gymnasiallehrer und Künstler Rolf Tiemann kann ein Lied davon singen.
Der Lehrer und sein Schüler: Man sieht auf den ersten Blick, dass in der Schulrealität häufig fremde Welten aufeinandertreffen. Der pensionierte Gymnasiallehrer und Künstler Rolf Tiemann kann ein Lied davon singen. Foto: Johannes Loy

So stellt man sich idealerweise das Leben im Ruhestand vor: ein Atelier im Grünen, Leinwände und Pinsel, und aus der Ruhe und ihrer Kraft wächst die Inspiration. „Wenn ich morgens mit dem Rad zum Haus Coerde fahre, habe ich schon so einige Ideen im Kopf“, sagt der pensionierte Gymnasiallehrer für Mathematik und Informatik, Rolf Tiemann , der nach einem kräftezehrenden Lehrerleben nun wieder Herr seiner Zeit ist. Vieles, was Tiemann im Kopf herumschwirrt, wird zunächst mit Bleistift in ein Skizzenheft gezeichnet, später dann, wenn Formen und Proportionen stimmen, bannt der 64-Jährige seine Motive mit Ölfarbe auf Leinwand.

Die Herrschaften, die sich seit etwa zwei Jahren auf Tiemanns Bildern wiederfinden, haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den „Alltagsmenschen“, wie sie Christel Lechner in Beton gegossen und in Telgte aufgestellt hat. Tiemann verschweigt auch gar nicht, dass er künstlerische Vorbilder verehrt, so zum Beispiel die Maler Michael Sowa und Johannes Grützke, den legendären Briten Lucien Freud oder den schon etwas härter zulangenden österreichischen Karikaturisten Manfred Deix. In seinem geräumigen Refugium im Haus Coerde jedenfalls füllen in diesen Tagen farbenfrohe Ölbilder die Wände. Auf ihnen sind wohlgenährte Spießbürger zu sehen, die sich in kuriosen Alltagssituationen befinden, und es sind die kleinen Accessoires in den Bildern, die dann häufig das Schmunzeln in ein prustendes Lachen verwandeln: Ein dickliches Pärchen steht auf dem Prinzipalmarkt. Der Herr möchte gerade in die Knackwurst beißen, als er sieht, dass sein fetter Köter an einer ganz anderen Wurst auf dem Trottoir schnuppert. In dieses Spektrum passt auch ein grelles Urlauberpaar unter südlicher Sonne, dessen Hund sich gerade erleichtern möchte. Der Titel „Kot in Venedig“ passt hier wie der Hintern auf den Lokus.

Ein Spaghetti-Esser, bei dem sich eine Nudel kunstvoll durch die Nasenlöcher schlängelt, lockt ebenso das Staunen des Betrachters hervor wie eine René Magritte nachempfundene Komposition, wobei der Mann mit der Melone hier keinen Apfel vor dem Kopf hat, sondern ein Apple-IPhone. Und da sind wir auch schon bei den etwas älteren Vorbildern des Künstlers Rolf Tiemann, der zum Beispiel dem Herrn Rembrandt ein Goldfischglas malerisch in die Hand drückt.

Porträts sind die Stärke Tiemanns. Längst hat er auch alte, verdiente Mathematiker verewigt wie etwa Carl Friedrich Gaus oder Leonhard Euler. Schon früh hat sich der Münsteraner mit der Malerei beschäftigt, im Studium standen dann, wie er sagt, seine naturwissenschaftlichen Fächer im Zentrum. Als Lehrer in Lüdenscheid und Hamm reaktivierte er sein Hobby: „Damit habe ich mir auch den Frust an der Schule weggemalt!“ Dabei war es zuweilen nicht nur das Gefühl, „Mathematik gegen die Wand zu predigen“, sondern vor allem die Reform- und damit verbundene Konferenz-Wut, die ihm die Zeit stahl und sein Lehrerleben nicht selten vergällte. „Ich habe natürlich auch sehr viele erfolgreiche und schöne Momente erlebt“, rückt Tiemann dann allerdings die Dimensionen im Gespräch zurecht.

Mit Illustrationen in Zeitschriften und literarischen Werken – so etwa Wilhelm Raabes „Altershausen“ – ist Tiemann ebenfalls schon hervorgetreten, sein jüngstes von ihm getextetes und illustriertes Buch „Hochbegapt“ mit Quinten aus dem alltäglichen Schulwahnsinn kam gut an.

Allmählich wäre es jetzt für ihn an der Zeit, sein jüngstes, der komischen Malerei zugewandtes Opus einmal einer größeren Öffentlichkeit außerhalb des Ateliers vorzustellen. Es ist dem Künstler jedenfalls anzumerken, dass er sich in seinem neuen Leben nach der Schulphase rundum wohl fühlt.

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