Mi., 23.03.2016

Münsters Erzählbühne im neben*an des Cinemas Die Schwester des Poetry-Slams

Älter als die Literatur: Dem Erzählen widmen sich (v. l.) Nurullah Turgut, Selma Scheele und Sybilla Pütz (Initiatorin der Erzählbühne).

Älter als die Literatur: Dem Erzählen widmen sich (v. l.) Nurullah Turgut, Selma Scheele und Sybilla Pütz (Initiatorin der Erzählbühne). Foto: Arndt Zinkant

Münster - 

Münster Erzählbühne bietet ein neues Literaturformat. Jeder der möchte, kann dort seine Geschichen erzählen. In einem zweiten Teil kommen dann professionelle Erzähler – jüngst Selma Scheele und Nurullah Turgut.

Von Arndt Zinkant

Im Märchen ist alles möglich. Da gibt es sogar eine wunderschöne „Kakerlaken-Frau“, die völlig gelangweilt ist und einen netten Mäuserich zum Gatten nimmt. Vorher hatte sie schon Bewerber wie den Kater aussortiert. „Rrrrrrh!“ schnurrt die Erzählerin ganz ironisch, rollt mit den Augen, wirft den langen Pferdeschwanz zurück und wechselt immer wieder zwischen ihren Muttersprachen Deutsch und Türkisch.

Selma Scheele liegt dies Geschichten-Erzählen offenbar im Blut – aber ein Studium der Theaterpädagogik und Erzählkunst hat sie auch absolviert. Mit ihrem Partner, dem Perkussionisten Nurullah Turgut, trat Scheele in der „Offenen Erzählbühne Münster“ auf, die „neben*an vom Cinema“ jeweils am vierten Montag des Monats stattfindet.

Ein kleiner Raum, an diesem Abend voll besetzt. Auch nicht-professionelle Erzählwillige sind aufgerufen, das Publikum in ihren Bann zu ziehen, erklärt die Initiatorin Sybilla Pütz.

Die ehemalige Münsteranerin veranstaltet das Gleiche auch in Hannover, ursprünglich kommt das Konzept „Erzählbühne“ aus Berlin. Wohlgemerkt: nicht Lese-Bühne! Die Performance soll zwar so lebendig sein wie Poetry-Slam, aber Ablesen vom Zettel ist tabu. Dann wäre nicht der intensive Augenkontakt mit dem Publikum möglich. Dass auf diese Art eine Geschichte immer wieder neu „entsteht“, ist ein erhoffter Effekt. Das Geschichtenerzählen ist älter als alle Literatur.

Zumindest an diesem Abend dominiert die Tradition des Orients. Als einzige Ausnahme erzählt Rainer Mensing eine Gruselstory über einen mörderischen Geist, der jeweils die Erstgeborenen einer Sippe heimsucht (Mensing wird im April den professionellen Hauptteil bestreiten). Ein in Teheran geborener Zuschauer stellt persische Lyrik des 13. Jahrhunderts vor. Und eine Besucherin aus Kassel erzählt ein uraltes „Gender-Switch“-Märchen von einem Sultan, der zur Frau wird.

Haupterzählung des Abends aber ist die Geschichte der Schlangenkönigin Shahmaran, die in der türkischen Mythenwelt sowie im Iran und Irak ihre Wurzeln hat. In einer Parallelwelt, die nur durch ein Labyrinth erreichbar ist, lebt sie mit ihren Reptilien-Geschöpfen. Wie der junge Waldarbeiter Cemshab diese findet, im goldenen Käfig mit ihr lebt, sie unter Folter des Großwesirs verrät und endlich ein weiser Arzt wird, war packend zu hören.

Als Zuhörer wurde man wieder zum Kind – der Kunst von Selma Scheele sei Dank.

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