Di., 10.05.2016

Shakespeare-Übersetzung Frank Günther im Theater Wie ein Trüffelschwein im Sprachkessel

Einmalig: Frank Günther wird bald Shakespeares Gesamtwerk als einzelner Mensch ins Deutsche übertragen haben.

Einmalig: Frank Günther wird bald Shakespeares Gesamtwerk als einzelner Mensch ins Deutsche übertragen haben. Foto: con

Münster - 

Eine braune Ledertasche, bis obenhin mit Büchern gefüllt, schleppte Frank Günther aufs Podest im Theatertreff, packte alles auf dem kleinen Tisch aus und legte los. Er las im Original einen Satz vor und überlegte laut, sinnierte, brummelte, setzte Wörter neu zusammen, verwarf Ideen, spielte mit den Silben, schüttelte Wörter, schlug in Wörterbüchern nach, zitierte andere Übersetzer, dachte kritisch weiter, schwitzte, raufte sich die Haare, legte die Stirn in Falten – lächelte, strahlte, sprudelte los und zitierte seine Übersetzung von Shakespeares Original. „Das war ja . . . unglaublich!“, sagte ehrfürchtig eine Zuhörerin nach zwei Stunden Einblick in diese Übersetzungswerkstatt mit dem Titel „Abenteuerliche Reisen durch Shakespeares Sprachwunderwelten“.

Von Maria Conlan

Shakespeare-Übersetzer Günther erläuterte anschaulich und unterhaltsam den Unterschied der Arbeit eines Dolmetschers und eines literarischen Übersetzers, der zusätzlich zum Sprachsinn die Form mit einbeziehen müsse. Humorvoll und informativ gab Günther Einblick in Shakespeares Zeit und erläuterte Schwierigkeiten mit Sprache und Verständlichkeit, indem er immer wieder direkt die Zuhörer mit einbezog.

Gastgeber Wolfgang Türk vom Theater charakterisierte Günther nach diesem intensiven Abend als „ein wahres Naturereignis, so viel performatives Talent“. Er hatte eingangs kurz den Werdegang des preisgekrönten Übersetzers umrissen, der nach dem Studium Regie-Erfahrung in mehreren Theatern sammelte und momentan an den letzten zwei Shakespeare-Bänden arbeitet. Somit steht Günther kurz vor der Vollendung des einmaligen Ereignisses, als einzelner Mensch Shakespeares Gesamtwerk ins Deutsche übertragen zu haben. Und nicht nur die Theater danken Günthers Ausdauer, laut Türk, auch das münsterische Publikum reagierte begeistert.

Seine Liebe zum großen Dichtergenie und Sprachkünstler vermittelte Günther lebhaft. Er bezeichnete den Dichter unter anderem als „Kontinent der Seele, der Unfassbare, Chamäleon, Zwangsthema für Hausarbeiten“. Der Einblick in seine Übersetzungsarbeit entsprach der Echtzeit, an einem einzigen, vielschichtigen Satz zu tüfteln. Dabei landete das Werk einer durchgearbeiteten Nacht auch mal komplett im Papierkorb, um nach einer weiteren halben Stunde mit neuem, spielerischem Ansatz zur Vollendung zu kommen, manchmal „mit Wörtern, die es vorher noch nicht gab“, mit Vieldeutigem, Wortspielen und Sprachwitz, auch mit der Gefahr, bei anderen damit anzuecken. „Shakespeare hat sich im Sprachkessel wie ein Trüffelschwein gewälzt“, so Günther, der demonstrierte, wie er ihm erfolgreich nacheifert.

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