So., 12.06.2016

Tanz im Pumpenhaus Manipulatives Spiel mit der Angst

Lisbeth Gruwez macht auf der Bühne existenzielle Hilflosigkeit spürbar.

Lisbeth Gruwez macht auf der Bühne existenzielle Hilflosigkeit spürbar. Foto: Luc Depreitere

Münster - 

Ein Paar sitzt reglos auf der dunklen Bühne. Es ist still, ab und zu hört man beide atmen, während sich ihre Oberkörper leicht zur Seite biegen. Dann, ganz langsam, kommt Aktion in die beiden Tänzer: Während sie ihre Schultern nach oben zieht, die Hände gequält an die Schläfen hält oder den Kopf, auf dem Stuhl kauernd, in ihren Armen verbirgt, reißt er Knie und Arme abwehrend hoch. Das Atmen tönt nun aus dem Off, wird lauter, ist mitunter nur kurz hörbar und stellt sich auf Handzeichen wieder ein. Ein manipulatives Spiel mit Angst und Gefahr, das sich verselbstständigt, bis sich beide in einer Art Albtraum befinden, dem sie unweigerlich ausgeliefert sind.

Von Isabell Steinböck

„We’re pretty fuckin’ far away from okay“ ist der letzte Teil einer Trilogie, mit der die belgische Tänzerin und Choreografin Lisbeth Gruwez (Voetvolk) Bewegungen ekstatischer Körper auslotet. Nach Sprache und Gelächter folgt nun die Furcht. Gemeinsam mit Nicolas Vladyslav gelingt eine analytisch-kühle, sich langsam steigernde Performance, die von Teilnahmslosigkeit über nervöse Unruhe bis hin zu panischer Angst führt. Im Pumpenhaus kam das Stück als Vorpremiere auf die Bühne, die offizielle Uraufführung folgt beim Amsterdamer Festival Julidans.

Es braucht eine ganze Weile, bis Dynamik in die Bewegung kommt. Dann fassen sich die Performer mit den Händen an Nacken und Hals, der Beklemmung nachspürend, die Tänzerin kriecht mit dem Kopf in den Ausschnitt ihres Pullovers. Irgendwann nehmen die Figuren Kontakt miteinander auf, lehnen Schulter an Schulter oder Rücken an Rücken, um einander letztlich doch wie im Kampf abzuwehren.

Während das Bewegungsmaterial an sich kaum überrascht, hat das Verhalten dieser beiden Individuen etwas Paranoides, Wahnsinniges, in einer Performance, die ihre Kraft erst findet, wenn sie sich zur Panik steigert. Dann werden die Atemgeräusche aus dem Off, die zum Teil mit leiser Musik unterlegt sind, unerträglich (Sounddesign: Maarten Van Cauwenberghe). Maschinen gleich dröhnt der Lärm, während die Bewegungen schneller und schneller werden. Jetzt, endlich, wird die existenzielle Hilflosigkeit spürbar, reißen die Performer ihr Publikum mit.

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