Mo., 24.10.2016

Bodytalk stellte sich im Pumpenhaus vor Tanz „mit Junkies und Alkis“ in Planung

Bodytalk zeigte im Pumpenhaus sein Tanzstück über Fukushima.

Bodytalk zeigte im Pumpenhaus sein Tanzstück über Fukushima. Foto: Thomas Puschmann

Münster - 

Für die Zuschauer in den vorderen Reihen gab es Suppe und Sushi. „It’s save“, wurde versichert, auch wenn die Zutaten aus Fukushima importiert seien. Spätestens in der Folgeszene, wo eine Tänzerin verschlungenen Reis in einen Mixbecher zurückwürgt, verging den Zuschauern wieder der Appetit.

Von Maria Conlan

Der Abend begann sehr freundlich und höflich. Jeder Zuschauer wurde beim Eingang begrüßt und bekam Papiertücher überreicht. Daraus bastelte das Publikum später eine „Teru teru Bozu“-Puppe. Nach japanischen Brauch sagt man ihr magische Kräfte nach, die das Wetter beeinflussen. Die Puppen endeten mit abgehaktem Kopf im Kochtopf. Eines von vielen starken Bildern dieses Tanztheaters. „ Bodytalk “ und die japanische Performancegruppe „Futome“ spielten im Pumpenhaus „Atom Heart Mother“.

Für die Zuschauer in den vorderen Reihen gab es Suppe und Sushi. „It’s save“, wurde versichert, auch wenn die Zutaten aus Fukushima importiert seien. Spätestens in der Folgeszene, wo eine Tänzerin verschlungenen Reis in einen Mixbecher zurückwürgt, verging den Zuschauern wieder der Appetit. Sätze gegen Atomkraft und die Versicherung, alles sei harmlos, wechselten sich ab. Um schüchterne, leicht beeinflussbare Japaner tanzte eine schreiende Belgierin, die zum Widerstand aufrief. Vom Schlagzeuger kam die Aufforderung, auf heißen Herdplatten zu stehen, es sei harmlos – und sein Befehl wurde befolgt.

Wie ist es mit Hörigkeit, Gutgläubigkeit, Beeinflussbarkeit auf der einen Seite und der Mobilisierung zum Widerstand auf der anderen? Wie lassen wir uns überzeugen? Sind wir mehr geschockt von der Nacktheit der Tänzer als von der zerstörenden, verwüstenden Atomkraft? Ist Fukushima aus dem Bewusstsein verdrängt, obwohl es noch immer katastrophale Folgen zeigt? Zuschauer wurden auf die Bühne geholt, um zu zeigen, wo Atomkraftwerke in Betrieb sind.

Die Musiker Lukas Zerbst und Carlos Alberto Szappanos sorgten mit Elektronik, Gitarre, Schlagzeug und Gesang für packenden, oft punkigen, sehr rhythmischen Sound: Charlotte Goesaert, Eiyi Takeda, Emi Tetsuda, Kaoru Norimatsu und Seung Hwan Lee tanzten bis zur Schmerzgrenze. Sie interagierten mit dem Publikum auf japanisch, deutsch, flämisch, durch Mimik und Gestik. Mit einem Lichttunnel bezogen sie auch die ersten Zuschauerreihen direkt ins Bühnengeschehen ein – wie einen Sog in eine andere Sphäre. Es war ein Abend, der mit seiner Erinnerung an Fukushima verstörte und aufrüttelte.

Yoshiko Waki brachte diese Künstler nach Deutschland. Gern möchte sie mit dem Stück auch in Fukushima auftreten. Für Münster arbeitet sie an neuen Ideen: einem Tanztheaterprojekt im Freien, am Bremer Platz „mit Junkies und Alkis“, wie sie erzählte, an verschiedenen Orten Münsters. Und das Tanztheater-Festival NRW soll nächstes Jahr hier stattfinden, mit viel politischem Tanztheater. Waki ist glücklich, dass sie nun als „Artists in Residence“ dieses neue Bühnen-Zuhause für ihre Gruppe gefunden hat.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

karriere.ms Anzeigen

Ihr Jobportal für unbefristete und befristete Stellenangebote aus dem Münsterland

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4390710?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F