Fr., 23.12.2016

Frank Behnke inszeniert am Theater Münster „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ Das System behält immer Recht

In einem Schlachthaus von Kleiderkammer spielen (v.l.) Jonas Riemer (Graham), Christian Bo Salle (Slift), Martin Bruchmann (Lennox) und Daniel Rothaug (Cridle) sowie unten Ilja Harjes (Mauler).

In einem Schlachthaus von Kleiderkammer spielen (v.l.) Jonas Riemer (Graham), Christian Bo Salle (Slift), Martin Bruchmann (Lennox) und Daniel Rothaug (Cridle) sowie unten Ilja Harjes (Mauler). Foto: Oliver Berg

Münster - 

„Das ist ein Mons­trum an Text“, sagt Frank Behnke und stöhnt ein bisschen, um kurze Zeit später mit leuchtenden Augen zu schwärmen: „Mich fasziniert diese Sprache.“ Der Chef des Schauspiels Münster hat sich zum Ende des Jahres Bertolt Brecht vorgenommen und dann gleich „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“.

Von Gerhard H. Kock

Der Stücketext ist insofern besonders, weil er neben Brecht durch Elisabeth Hauptmann und Emil Burri zwei Mitautoren hat. Zwar wurde er in der Weltwirtschaftskrise 1929/30 geschrieben, aber erst 1959 uraufgeführt, im Todesjahr des Autors. „Das heißt, Brecht konnte das Stück nicht mehr nachbearbeiten“, so Behncke. Die drei Autoren haben das Stück als Kollektiv geschrieben, dementsprechend soll das Kollektiv auch auf der Bühne wiederzufinden sein. „Bei uns sind alle alle“, erzählt der Regisseur: Kapitalisten, Börsianer, Arbeiter – alles Kollektive.

Die Darsteller springen von einer Rolle in die nächste. Aber es schälen sich natürlich die Hauptprotagonisten Johanna Dark (dargestellt von drei Schauspielerinnen) sowie Fleischkönig Mauler heraus. Brecht erzählt in seinem Stück eine marxistische Lesart des Kapitalismus und wie sich das System in der Krise verhält und erhält, in dem es sich Idealisten zu Nutze macht.

Die junge Johanna (Schillers Jungfrau von Orléans lässt grüßen) glaubt an das Gute im Menschen und an einen gütigen Gott. Als Soldatin der Heilsarmee will sie die Armen retten und damit die Welt. Doch die Härte des Marktes und die Macht des Kapitals bringen ihre Ideale schließlich zum Einsturz. Die Fanatikerin der Nächstenliebe ruft am Ende zu Terror und Gewalt auf. Der Zyniker Mauler weiß Johannas christlichen Furor für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Am Ende nutzt das System Johanna als Märtyrerin für seine Zwecke, stabilisiert sich, behält in seiner Einschätzung der Menschen Recht. Hoffnung nirgends.

Die Bühne wird nicht naturalistisch sein – also kein fleischlastiger Schlachthof . Behnke: „Ich will nicht mit Bildern konkurrieren, die man bei diesem Stück im Kopf hat.“ Für ihn ist Brechts „Johanna“ auch eine „radikale Abrechnung mit dem deutschen Idealismus“, mit dem bürgerlichen Theater und seinem Wahren, Schönen, Guten. So könnten am Ende Fragen stehen, die Kapitalist Mauler und Idealistin Johanna haben: Wer ist schlecht? Das System oder der Mensch? Johanna: „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und es helfen nur Menschen, wo Menschen sind.“ Live-Musik kommt von Jonas Nondorf

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Die Premiere am Freitag (30. Dezember) um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Theaters, Neubrückenstraße 63, ist ausverkauft. Rücklaufkarten an der Theaterkasse: ' 590 91 00.

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