So., 08.01.2017

Tradition entstaubt Zwei grandiose Tage beim 26. Internationalen Jazzfestival im Theater Münster

Myra Melford ist als quirlige Pianistin eine treibende Kraft in Allison Millers Sextett „Boom Tic Boom“.

Myra Melford ist als quirlige Pianistin eine treibende Kraft in Allison Millers Sextett „Boom Tic Boom“. Foto: Joachim Busch

Münster - 

Kein roter Teppich. Kein Blitzlichtgewitter. Erst recht kein Hochglanz-Publikum in edler Abendrobe. Aber ein Preis, ein westfälischer, für Jazz. 

Von Hilmar Riemenschneider

Westfälisch nüchtern fällt die kurze Zeremonie am Samstagabend im Theater Münster aus: Die aus Werl stammende Schlagzeugerin Eva Klesse wird im Rahmen des 26. Internationalen Jazzfestivals für ihre dynamische Spielweise mit „feinsten Nuancen und zartesten Tönen“ ausgezeichnet. Damit überzeugt die in Leipzig arbeitende Drummerin die Jury, ebenso das Publikum – mit ihrem Quartett eröffnet sie den zweiten Festivaltag im ausverkauften Großen Haus.

Klesses Körpersprache verrät Hochspannung. Sobald sie hinter dem Schlagzeug sitzt, ist sie permanent in Bewegung – ein optischer Kontrast zu ihrem verhaltenen und eingepassten Stil, aus dem sie nur manchmal lautstark ausbricht. Kompakte, melodische Arrangements skandinavischer Prägung kennzeichnen das Konzert des Eva Klesse Quartetts, das auch am Ende des Abends als eines von zwei bemerkenswerten in Erinnerung bleibt. Dazu trägt das harmonische Klangbild des Quartetts bei, in dem Pianist Philip Frischkorn trotzdem glänzen kann.

Fotostrecke: Internationales Jazzfestival Münster 2017

Das zweite eindrucksvolle Konzert liefert zwei Stunden später eine weitere Schlagzeugerin: Die US-Amerikanerin Allison Miller und ihr Sextett „Boom Tic Boom“ ziehen die Zuhörer mit komplexen, anspruchsvollen Kompositionen in ihren Bann. Mit Solisten vom Schlage der quirligen Pianistin Myra Melford und der energischen Violinistin Jenny Scheinman umgibt sich Miller mit einer sehr improvisationsstarken Band, die in ihren Soli eine faszinierende Vielfalt auf die Bühne bringt. So viel gibt es sonst kaum für den Kopf.

Vor ihnen schlagen Pianist Jacky Terrasson und Trompeter Stéphane Belmondo eher balladeske Töne an. Die beiden Franzosen zaubern ihren Zuhörern mindestens ein Schmunzeln ins Gesicht, als sie so auch die Marseillaise intonieren. Später stößt der Marokkaner Majid Bekkas hinzu, seine traditionelle Guembri lässt dem Trio aber wenig mehr als von den klassischen Blue Notes geprägte Klangfarben.

Erfrischende Lockerheit prägt am Ende dieses Tages den gefälligen Auftritt des Kollektivs „Brotherhood Heritage“, das die Musik des südafrikanischen Pianisten Chris McGregor aufleben lässt. Die zehn französischen Musiker packen viel Kurzweil und griffige Improvisationen in ihre farbenfrohe Arrangements, in denen viel südafrikanisches, auch karibisches Lebensgefühl steckt.

Der zweite Festivaltag endet so beschwingt, lässt aber nicht den Festivalauftakt vergessen: Das britische Quartett „Empirical“ eröffnet das bis Sonntagabend dauernde Festival – und bleibt als die große Überraschung in Erinnerung. Die vier adrett im Anzug aufspielenden Musiker entstauben die Tradition von Modern Jazz und Hardbop, definieren daraus eine neue zeitgemäße Variante. Dass sie seit zehn Jahren zusammen spielen, ist in jeder der kompakten Eigenkompositionen zu spüren – gediegene Kunst des Quartetts. Lewis Wright am Vibraphon und Altsaxofonist Na­thaniel Facey spielen sich mit faszinierender Leichtigkeit die Motive zu. Ein tolles Hör-Erlebnis.

Man muss „Empirical“ so herausheben, obwohl auch Renaud Garcia-Fons mit dem spanischen Pianisten Dorantes ergreifend schöne Interpretationen unterschiedlicher Flamenco-Stile durchspielt. Mit der auf die Saiten knallenden Bogenspitze lässt Fons seinen Bass wie eine Gitarre klingen, dann ahmt er die heiseren Stimmen der Flamenco-Sänger nach. Dorantes lässt ihn gewähren, lässt nur manchmal sein famoses Können durchblitzen.

Der Musik von Charles Mingus haben sich drei junge deutsche Musiker verschrieben: „I Am Three“. Silke Eberhard (Altsaxofon) und Nikolaus Neuser (Trompete) gelingt es dabei nicht immer, den Spannungsbogen der reduzierten Arrangements oben zu halten. Dafür sorgt vor allem der aus Münster stammende Schlagzeuger Christian Marien, der mit seiner Intensität eine ganze Bigband ersetzt.

Ein weiterer Auftritt mit Erinnerungswert beendet den Freitag: Vokalist Andreas Schaerer, Drummer Lucas Niggli und Luciano Biondini (Akkordeon) sind alte Bekannte. Sie bringen den finnischen Gitarristen Kalle Kalima mit und demonstrieren, wie vier Individualisten ihre extrovertierte Spielfreude zu einem fesselnden Hörgenuss verschmelzen lassen. Spaß bis zum letzten Takt.

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