Fr., 25.09.2015

Theater Münster Generalintendant Ulrich Peters: ,,Erzählen – nicht zertrümmern''

Theater Münster : Generalintendant Ulrich Peters: ,,Erzählen – nicht zertrümmern''

Dr. Ulrich Peters ist seit 2012 Generalintendant des Theaters Münster. Sein Vertrag wurde unlängst bis zum Ende der Spielzeit 2021/22 verlängert. Foto: Jürgen Peperhowe, Matthias Ahlke, Montage: gap

Münster - 

„Ich habe Schwierigkeiten, wenn große Weltstoffe auf Küchentischniveau heruntergezogen werden“, sagt Ulrich Peters vehement. Und wendet sich ironisch gegen gewisse Inszenierung-Marotten: „Diese ewig gleichen Bilder von Darstellern in Doppelreihern oder Schiesser Feinripp ... Da kann ich gar nicht mehr erkennen: Ist das jetzt ein Stück von Monteverdi, oder ist es ,Salome‘?“ Ein Gespräch mit dem Generalintendant des Theaters Münster.

Von Harald Suerland

Dr. Ulrich Peters , Münsters Generalintendant, ist vor wenigen Wochen in seinem Amt bestätigt worden: Sein Vertrag wurde bis zum Jahr 2022 verlängert. Gelegenheit, um nach gut drei Spielzeiten wagemutiger zu werden, das Publikum mehr zu fordern? „Künstlerisch versuche ich, das Publikum zu Stücken zu begleiten, von denen ich meine, die müsste es sehen.“ Wagemut ist ihm dabei kein Tabu – der habe sich in der Vergangenheit allerdings mal mehr, mal weniger ausgezahlt: „Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Leute in , Benvenuto Cellini ‘ von Berlioz gegangen sind. ,Joseph Süß‘ hingegen war sehr gut besucht.“

Als Regisseur stürzt sich Intendant Peters aufs Musiktheater, für das Schauspiel steht ja dessen Chef Frank Behnke – mit aktuellen Zuspitzungen wie im „ Othello“. Ist das Musiktheater eher die kulinarischere Sparte? „Das ist so“, bestätigt Peters, „das kann sogar bei einem modernen Werk wie ,Joseph Süß‘ funktionieren, wenn die Zuschauer merken, wie gut die Musik passt.“ Zur Kulinarik gehöre, dass das Publikum kommt, um guten Gesang zu hören, und dass man gute Sänger nur am Haus halten könne, wenn man ihnen in jeder Spielzeit „zwei Brocken hinwirft“, ihnen also Opernpartien anbiete, die sie gern singen und für ihre Entwicklung gebrauchen können. Was wiederum Einfluss auf die Spielplangestaltung hat. Gelegentlich allerdings muss der Intendant einen Sänger auch „zu seinem Glück in einem wichtigen Stück zwingen“.

1441986254_img_5

William Shakespeare "Othello" mit Maximilian Scheidt (links) und Yasin El Harrouk. Foto: Marion Bührle

Ob er nicht Lust hätte, nach Shakespeares „Othello“ den „Otello“ von Verdi aufzuführen? „Sara Rossi Daldoss wäre eine tolle Desdemona“, ist sich Peters sicher, „und Adrian Xhema könnte schon den Otello singen – aber er möchte das noch nicht.“ Außerdem hält Peters eine solche Koppelung für „zu didaktisch“.

In seinen ersten Spielzeiten wünschte der Intendant dem Publikum nach dem Mobiltelefon-Hinweis immer eine „spannende Aufführung“, jetzt gibt es nur noch ein akustisches Signal. Und statt Spannung lieber Entspannung? „Für diesen Wunsch habe ich Verständnis“, sagt Peters, verknüpft das aber mit dem Anspruch: „Wir müssen alles tun, um die Leute nicht zu langweilen. Sie sollten tunlichst auf den Stuhlkanten sitzen.“ Und dazu sei es nötig, dass „die Regisseure Geschichten erzählen und sie nicht zertrümmern“. Provokation ist für ihn kein positiver Begriff. Zwar staunt Peters darüber, dass es in Münster kaum zu Auseinandersetzungen im Premierenpublikum zwischen Buhrufern und Applaudierern gibt. Meint aber zugleich: „Mit Provokationen riskiere ich, dass die Buhrufer nicht mehr wiederkommen.“ Genau das will Peters, der im Gegensatz zum Bundestrend eine Steigerung der Abozahlen prognostiziert, vermeiden.

NIK_1005

Dr. Ulrich Peters, Münsters Generalintendant, ist vor wenigen Wochen in seinem Amt bestätigt worden: Sein Vertrag wurde bis zum Jahr 2022 verlängert. Foto: Matthias Ahlke

Die Treue der Abonnenten und der Rückhalt durch die einstimmige Vertragsverlängerung ermöglichen es Ulrich Peters, beharrlich seine Ziele zu verfolgen. „Die Bühnentechnik, der Schnürboden, die Drehscheibe: Überall gibt es Handlungsbedarf. Und unser Gagenspiegel ist katastrophal: Es kommen schon mal Schauspieler zu mir, die um eine Erhöhung bitten, weil sie mit über 30 Jahren nicht mehr in einer WG wohnen möchten.“ Dass Peters keine Verbesserungen für sich selbst ausgehandelt hat, gestattet ihm, auch angesichts möglicher Haushaltskonsolidierungen zu sagen: „Wir sind bescheiden – aber es gibt Grenzen.“

150101-27

Das große Haus des Theaters Münster - hier beim Neujahrskonzert am 1. Januar 2015 mit Götz Alsmann und der Alsmann-Band, der Sopranistin Henrike Jacob, Fabrizio Ventura und dem Sinfonieorchester der Stadt Münster. Foto: Gunnar A. Pier

Kämpferisch und beharrlich nennt er sich – und will das auch künstlerisch einlösen, wenngleich seine Überzeugung gerade fürs Musiktheater lautet: „Das, was wir täglich in den Nachrichten sehen, brauchen wir nicht noch abends auf der Bühne.“ Vielmehr stimmt er der These zu, dass tendenziell eher im Schauspiel die aktuellen und im Musiktheater die überzeitlichen Themen verhandelt werden. Um dann doch mit leuchtenden Augen von einer Inszenierung zu erzählen, in der „Tosca“ im Fotostudio beginnt und in einem Stadion mit Bürgerkriegsgefangenen endet. Regisseur dieser Produktion war Philipp Kochheim – und der wird bald in Münster „Cavalleria rusticana“ und den „Bajazzo“ inszenieren. Man darf gespannt sein, wie viel Wagemut Intendant Peters ihm zubilligen wird.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

karriere.ms Anzeigen

Ihr Jobportal für unbefristete und befristete Stellenangebote aus dem Münsterland

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3531670?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F