So., 05.06.2016

Tuğsal Moğuls „Deutsche Konvertiten“ Rückhalt im Glauben

Sprechen über ihren Glauben: (v. l.) Ida (Carola von Seckendorff), Aaron (Jonas Riemer), Sarah (Andrea Spicher) und Marc (Maximilian Scheidt)

Sprechen über ihren Glauben: (v. l.) Ida (Carola von Seckendorff), Aaron (Jonas Riemer), Sarah (Andrea Spicher) und Marc (Maximilian Scheidt) Foto: Oliver Berg

Münster - 

Zwei Frauen und zwei Männer liegen im Gras, sinnieren über Religion: Ist Gott männlich, gasförmig oder gar Zwitter? Wo liegt das heilige Land? Was vereint die Religionen? Für Aaron, Marc, Ida und Sarah ist der Glaube zentrales Thema. Alle vier sind in teils streng religiösen Elternhäusern aufgewachsen, doch keiner fühlte sich dort zu Hause. Erst die bewusste Entscheidung für einen anderen Glauben macht sie glücklich.

Von Isabell Steinböck

Regisseur Tuğsal Moğul setzt sich in seinen Theaterstücken immer wieder mit Identitätssuche auseinander. „Deutsche Konvertiten“, ein Rechercheprojekt, das jetzt als Koproduktion mit dem Theater Münster im Pumpenhaus uraufgeführt wurde, thematisiert etwas grundlegend Menschliches, das in unserer säkularisierten, multikulturellen Gesellschaft mehr und mehr in den Blickpunkt rückt: die Suche nach Halt und Struktur in einer Religion.

In teils beklemmend-dramatischen, teils humorvollen Szenen stellt Moğul Sinnsucher dar, denen vier Schauspieler Profil verleihen: Da ist Aaron ( Jonas Riemer ), der als Kind in Afghanistan Hinrichtungen der Taliban ansehen musste. Aufgewühlt und gebrochen wirkt er, wenn er davon erzählt; im Christentum, das der junge Mann als friedliebende Religion empfindet, kommt er zur Ruhe. Ganz anders die Perspektive Sarahs (Andrea Spicher): Erlebte sie das Verhältnis zu ihren Eltern als distanziert und kühl, findet die junge Frau im Islam zum ersten Mal Geborgenheit. Glücklich strahlend, wie verliebt, wirkt die Deutsche, wenn sie über das „Kribbeln“ spricht, das sie als Studentin beim Morgengebet in ihrer Istanbuler Frauen-WG empfand.

Die rationale Ida (Carola von Seckendorff) drängt dagegen „in die Tiefe“. Das Judentum als Wurzel von Christentum und Islam begreifend, näht sie ihren Gebetsmantel und reflektiert sich dabei vornehmlich selbst. Marc (prägnant: Maximilian Scheidt) ist als Erfinder des digitalen Sperrnotrufs 116116 auf Notlagen spezialisiert. Als seine Frau an einem Tumor erkrankt, scheint nur Übersinnliches zu helfen. Nach überstandener Krankheit bietet ihm die katholische Kirche einen Lieblingsplatz im Leben.

Mit schönen Klängen, die von christlichen Chorälen über orientalische Musik bis hin zu Kirchenglocken reichen, fängt Musiker Jonas Nondorf die schützende Atmosphäre, die Religion so anziehend macht, ein. Dazu passt Ariane Salzbrunns originelle Kulisse aus klingenden Röhren, die wie ein Vorhang aufgehängt sind und Worte im Schall verstärken. Die vier Schauspieler verstehen es, durch ihre im Wechsel erzählten, authentischen Glaubensbiografien zu fesseln. Dass sie mitunter die Grenze zum Kitsch streifen, relativiert sich durch humorvoll-ironische Momente. Ausgrenzung und Stigmatisierung, das Ringen um Toleranz und die Warnung vor Machtmissbrauch sind omnipräsent. Ein wichtiges Stück.

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