So., 01.01.2017

Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Theater Münster Kapitalismus-Party geht weiter

Johanna (Sandra Bezler) und Mauler (Ilja Harjes) im intensiven Disput.

Johanna (Sandra Bezler) und Mauler (Ilja Harjes) im intensiven Disput. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Gierige Bosse treiben den Rindfleischpreis nach oben, während Ochsen dazu aus dem Off brüllen und streikende Arbeiter unter Schneeflocken bibbern. Nicht nur der Bühnenrauch waberte am Freitag durchs Kleine Haus, sondern auch viel Proletarier-Pathos. Schauspieldirektor Frank Behnke hatte sich zum Jahresende Brechts „heilige Johanna der Schlachthöfe“ vorgenommen. 

Von Arndt Zinkant

Doch so sehr sich seine Inszenierung mühte, dem berühmten Stück ein sarkastisch-cooles Grinsen aufzumalen – alles Zeitlose zog den Kürzeren. Das Brecht-Aroma von 1929 roch so stark durch den Text wie abgehangenes Rindfleisch.

Kein Wunder, hatte der „Schwarze Freitag“ von 1929 doch nicht nur die New Yorker Börse , sondern auch die gesamte Weltwirtschaft in die Knie gezwungen. Eine Steilvorlage für kommunistische Autoren, die nicht nur das „System“, sondern auch noch den christlichen Glauben als „Opium fürs Volk“ geißeln wollen. Marx lässt grüßen. Und so schickte Brecht seine fromme Johanna predigend vor die Werkstore, wo sie an der Unmenschlichkeit der Marktlogik scheitern und nebenher noch Schillers Johanna von Orléans gallig karikieren muss. Schillersche Jamben bürgen dafür.

Rot ist in Münster die Bühne. Wie die Oktoberrevolution. Oder wie das Blut der Tierkadaver – die das Bühnenbild aber nicht zeigt, sondern abstrakt als Kleidungsstücke baumeln lässt. Rot sind auch die Ohren der Männer (nicht der Frauen), die sich in Parolen ereifern und irgendwie taub erscheinen. Mit ihren Gangster-Hüten scheinen sie alten Al-Capone-Filmen entsprungen; Schließlich sind wir in Chicago. Nur die lässige Easy-Listening-Musik von Jonas Nondorf bricht diesen Eindruck.

Fotostrecke: "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" im Theater Münster

Der üblichen Kapitalismus-Kritik modernen Theaters wird hier wenig hinzugefügt; die Darsteller sind rundum überzeugend. Allen voran Sandra Bezler , die in ihre Johanna mehr echtes Herzblut legt, als sie falsches in der Sterbeszene spucken muss. Ilja Harjes changiert als Kapitalist Mauler gekonnt zwischen der Bigotterie des Pseudo-Philanthropen und der zynischen Glätte des ewigen Managers. Da beider Rollen teils ins Kollektiv schwappen, also von mehreren gesprochen werden, verlieren sie an Profilschärfe.

Zum Thema

Die nächsten Termine: 11., 14. und 19. Januar 2017. Infos: www.theater-muenster.com

Als die tote Johanna am Ende vom „System“ als Kitsch-Ikone vereinnahmt und dem Publikum Sekt gereicht wird, ist die Botschaft klar: Die Kapitalismus-Party geht munter weiter. Und die nächste Theater-Moritat darüber wartet schon.

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