Di., 03.01.2017

Erstaufführung von „Tom auf dem Lande“ Brutale Mauer des Schweigens

Tragisch verstrickt (v.l.): Tom (Garry Fischmann), Agathe (Regine Andratschke) und Francis (Christoph Rinke)

Tragisch verstrickt (v.l.): Tom (Garry Fischmann), Agathe (Regine Andratschke) und Francis (Christoph Rinke) Foto: Oliver Berg

Münster - 

In Michel Marc Bouchards Kammerspiel „Tom auf dem Lande“ prallen Welten aufeinander. Die deutschsprachige Erstaufführung ging gerade im U2 des Theaters Münster über die Bühne.

Von Jana Simon

Das einzige anerkennende Wort, das Tom von Francis zu hören bekommt, ist wegen der Kuh, die er beim Melken streichelt. Er könne offenbar gut mit Tieren. So was beeindruckt den jungen Bauern, der irgendwo im tiefsten kanadischen Hinterland zusammen mit seiner Mutter eine Farm betreibt. Später hilft Tom beim Kalben und ist begeistert vom Kreislauf der Natur, die Leben nimmt und neues Leben schenkt. Wieder ist es die Kuh, die die beiden ungleichen Männer näher bringt. Freunde werden sie aber trotzdem nicht, denn Tom ist schwul und Francis ausgesprochen homophob.

In Michel Marc Bouchards Kammerspiel „Tom auf dem Lande“, das im U2 des Theaters Münster deutschsprachige Erstaufführung hatte, prallen Welten aufeinander. Tom arbeitet in Montreal in einer Werbeagentur. Als sein Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt, reist er zum Begräbnis in die Provinz, wo er alles andere als freundlich aufgenommen wird. Die Mutter seines Geliebten weiß nichts von dessen Homosexualität, und der Bruder tut alles, damit das auch so bleibt. Notfalls mit Gewalt. Es ist eine Mauer aus Schweigen und Verdrängen, an der sich Tom den Kopf einrennt.

Fotostrecke: "Tom auf dem Lande" im Theater Münster

Regisseur Micheal Letmathe setzt das mitunter sehr emotional gestimmte Stück mit minimalistischem Bühnenbild (Christine von Bernstein) in Szene. Außer einem Haufen Erde und einem Eisengestell, das ein Farmhaus andeutet, ist die Bühne leer. Nichts lenkt von dem ab, was verhandelt wird. Und das ist neben der Homophobie der Landbewohner auch die verdrängte Schuld der Mutter, die ahnt, dass sie Fehler gemacht hat, sich das aber nicht eingestehen kann. Regine Andratschke überzeugt hier durch eine fragile Balance zwischen resolutem Auftreten und tief empfundener Trauer um den toten Sohn.

Der Hauptkonflikt spielt sich aber zwischen Tom und Francis ab. Garry Fischmann in der Rolle des schwulen Städters leidet zunächst unter der Situation, in die er unversehens geraten ist, entwickelt dann aber eine irrationale Zuneigung zu seinem Peiniger Francis. Diesem gibt Christoph Rinke anfangs eine etwas eindimensional wirkende Brutalität mit, wird dann aber mit zunehmendem Spiel immer differenzierter, sodass am Ende er die eigentlich tragische Figur ist.

Weitere Termine

Das Stück "Tom auf dem Lande" wird bis Februar 2017 noch mehrfach gespielt. Alle Informationen: hier.

Für eine gewisse Komik in dem ansonsten eher beklemmenden Stück sorgt Natalja Joselewitsch als fingierte Freundin des Toten. Ihr Auftauchen führt zwar zu einer neuerlichen Wende in der fatalen Situation, aber keineswegs zu einer etwaigen Läuterung oder gar zu einem versöhnlichen Ende – was nach dem Vorhergegangenen auch nicht glaubhaft gewesen wäre.

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