Christian Wirmer machte Jon Fosses Roman lebendig
Leben als Wunderrätsel sichtbar gemacht

Münster -

Allerweltsmenschen sind oft Helden der Literatur, auch der Fischer Johannes erzählt sein Leben als großformatige Ausnahme. In Jon Fosses Roman „Morgen und Abend“ sind Figuren tot und wieder lebendig, kommentieren das Diesseits aus dem Jenseits und umgekehrt. Sie fühlen sich der Natur ahnungslos verbunden und leben Alltag: „Der Satan lenkt die Welt genauso wie der liebe Gott“.

Donnerstag, 11.05.2017, 19:05 Uhr

Christian Wirmer rezitierte den Roman des diesjährigen Trägers des „Preises für internationale Poesie“
Christian Wirmer rezitierte den Roman des diesjährigen Trägers des „Preises für internationale Poesie“ Foto: Günter Moseler

Allerweltsmenschen sind oft Helden der Literatur, auch der Fischer Johannes erzählt sein Leben als großformatige Ausnahme. Seine strapaziöse Geburt erscheint als Spektakel gebieterischer Daseinsverweigerung, sein Tod dagegen als träumerische Selbstauflösung. Dazwischen überschneiden sich Zeit- und Klimazonen eines Lebens, das klassische Stationen absolviert, sich verdichtet und vergeudet und zum Schluss leicht und durchsichtig wird wie Wind. In Jon Fosses Roman „Morgen und Abend“ sind Figuren tot und wieder lebendig, kommentieren das Diesseits aus dem Jenseits und umgekehrt. Sie fühlen sich der Natur ahnungslos verbunden und leben Alltag: „Der Satan lenkt die Welt genauso wie der liebe Gott“.

Dem norwegischen Autor Jon Fosse wird – gemeinsam mit seinem deutschen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel – der diesjährige „Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie“ verliehen, im U2 des Stadttheaters rezitierte Christian Wirmer als Schauspielmonolog eine gekürzte Version des Romans.

Ein kahler, dunkler Raum, ein Scheinwerfer, in der Mitte der Bühne ein Brett: Es repräsentierte den kleinsten Raum, auf dem sich die Biografie von Johannes abspielte. Auf ihm balancierte Wirmer wie auf schwankenden Schiffsplanken, schlich in Johannes‘ Haus über knarrende Dielenböden und war zugleich wie auf einer Eisscholle gebannt, die im Lebensstrom unmerklich dahinschmilzt. Wirmers minimalistischem Stil genügten vage Gesten und magisch-realistisches Mienenspiel, um Träume, Visionen und Halluzinationen wie Leitmotive unbewusster Freiheit fühlbar werden zu lassen. Nur zu Beginn warf er einen scharfen Blick in die Ferne, als wüsste der noch ungeborene Johannes schon mehr übers Leben als die Alten.

Wirmers Johannes war ein Mann, der im Leben immer ein Meeresrauschen, Knirschen verspürte, wie Geheimbotschaften ewiger Jugend. Oft lachte und lächelte er. Die Hände meist tief in den Taschen vergraben, schlenkerte er sich durchs Leben. Tauchten andere Personen auf, wechselten Stimmklang und Farbe, konzentrierten sich Floskelspiralen zu einem Geflecht konkurrierender Stimmen.

Nach der Geburt folgte ein Zeitsprung, verliert und verirrt sich Johannes im Endspiel seines Lebens. Wirmer täuschte Lebensmüdigkeit durch halb geschlossene Augenlider an, als würde Johannes ins Totenreich nur gelockt. Das kleine Leben als Wunderrätsel – hier wurde es grandios sichtbar!

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Die letzte Aufführung ist am 20. Mai um 17 Uhr in der Rüstkammer des Rathauses.

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