So., 25.06.2017

Das Stück „Sally“ beleuchtet den Optimierungswahn Hauptsache „schön und nett“

Im Sanatorium sollen die jungen Patientinnen optimiert werden. Das bringt Spannungen mit sich.

Im Sanatorium sollen die jungen Patientinnen optimiert werden. Das bringt Spannungen mit sich. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Ganz in Weiß gekleidet stehen die elf Mädchen auf der Bühne des Kleinen Hauses. Das Setting stellt ein Sanatorium dar, in dem die Patienten auf schön und nett getrimmt werden sollen. „Was fehlerhaft ist, muss ersetzt werden“, lautet das Motto, das die Mädchen lauthals skandieren. Dabei sind sie alles andere als freiwillig hier. Ihre Eltern haben sie abgeschoben, um sie durch neue, bessere Kinder zu ersetzen.

Von Helmut Jasny

In ihrem Spielzeitkurs für Jugendliche ab 16 Jahren haben sich Linn Sanders und Natalja Joselewitsch das Drama „Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier“ vorgenommen und auf ein weibliches Ensemble zugeschnitten. Das Stück heißt jetzt „Sally“ und behandelt nicht mehr explizit Dickleibigkeit, sondern Optimierungswahn im Allgemeinen. Am Samstag war es in einer dichten und mit viel Engagement auf die Bühne gebrachten Inszenierung bei den „Dran & Drauf“-Tagen zu sehen.

Vor allem überzeugt das Ensemble mit klug choreografierten Gruppenszenen. Als eine neue Patientin ankommt, wird sie sofort in den Tagesablauf und in die nächtlichen Tanzorgien eingegliedert, in denen die Mädchen ihren Frust abbauen. Bald hat sich das Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, auch in ihr festgesetzt. Und ebenso wie die anderen legt sie alle Hoffnung in jenen mysteriösen Dr. Bärfuß, von dem jeder redet, der aber wie Becketts „Godot“ nie in Erscheinung tritt. Selbst dann nicht, als sich eines der Mädchen umbringt.

Es ist kein leichtes Stück, das sich die jungen Darstellerinnen hier ausgesucht haben. Trotzdem gelingt es ihnen, den Stoff adäquat auf die Bühne zu bringen. Das Spannungsfeld zwischen Genügen-Wollen und Nicht-genügen-Können ist im Lauf der 60-minütigen Aufführung immer zu spüren. Ebenso die latente Angst der Mädchen, von den Eltern und der Gesellschaft fallen gelassen zu werden. Eine Angst, die sich am Ende als durchaus berechtigt erweist.

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