Sa., 22.07.2017

Skulptur-Projekte 2017: „OFF OFD“ von Christian Odzuck Das Vergängliche ist das Kostbare

Wie Legosteine liegen die Steine der Architektur-Skulptur aufeinander. Die Laterne leuchtet nachts und stammt auch vom alten OFD-Gelände.

Wie Legosteine liegen die Steine der Architektur-Skulptur aufeinander. Die Laterne leuchtet nachts und stammt auch vom alten OFD-Gelände. Foto: Gerhard H. Kock

Münster - 

Das Dumme ist ja, dass diejenigen Skulpturenfreunde, die das abgerissene Gebäude der ehemaligen Oberfinanzdirektion (OFD) Münster nicht kannten, nur die halbe Freude an dem Werk „OFF OFD“ von Christian Odzuck haben werden.

Von Ellen Bultmann

Das Dumme ist ja, dass diejenigen Skulpturenfreunde, die das abgerissene Gebäude der ehemaligen Oberfinanzdirektion (OFD) Münster nicht kannten, nur die halbe Freude an dem Werk „OFF OFD“ von Christian Odzuck haben werden. Denn sie haben es nicht vor dem geistigen Auge, dieses 44 Meter hohe, mächtig und zugleich schlank wirkende weiße Bürohaus, das sich in Form eines Blitzes mit 150 Metern Länge durch die Grünfläche an der Andreas-Hofer-Straße zog.

Das Logo der Betonelemente-Firma von 1966.

Das Logo der Betonelemente-Firma von 1966. Foto: Gerhard H. Kock

Das 1966 eingeweihte Gebäude wurde ab Juli 2016 wegen seiner Belastung mit PCB und Asbest zerlegt und fast ein Jahr lang zurückgebaut. Das Düsseldorfer Architekturbüro HPP hatte dem Komplex eine freistehende, eigenwillige Treppenkonstruktion mitsamt einem riesigen „spitzen Bleistift“ vorgelagert. Hinzu gesellten sich wabenförmige Kantinen-Pavillons.

Dieses externe Treppenhaus hat es Christian Odzuck angetan. Der Düsseldorfer arbeitet mit Bestandteilen vorgefundener Architektur. Er lässt sich von ihnen inspirieren, entwickelt aus diesen Fragmenten und eigenen Ergänzungen begehbare Einheiten. Damit greift Odzuck die jahrhundertealte Tradition der „Spolien“ auf: Übrig bleibende Reste zerstörter oder verfallener Gebäude werden in Neubauten wiederverwendet. Dahinter steckte im Laufe der Geschichte nicht unbedingt eine gestalterische Aussage – oft geschieht dieses Direktrecycling aus reinem Pragmatismus: „Die alte Säule da ist schon fertig, die können wir gut gebrauchen.“

Die „Legosteine“ sind aus Recyclingbeton.

Die „Legosteine“ sind aus Recyclingbeton. Foto: Gerhard H. Kock

Doch an der Andreas-Hofer-Straße wird kein externes Treppenhaus mehr gebraucht. Die auf dem Grundstück entstehende Gesamtschule kann ohne das zeitlich befristete Kunstwerk „OFF OFD“ auskommen. Das skulpturale Konstrukt neben dem verwaisten Briefkasten-Betonblock der Oberfinanzdirektion wartet nicht auf einen Anbau, der ihm Sinn verleihen würde. Die ihm zur Seite gestellte 23 Meter hohe Straßenlaterne vom früheren Parkplatz wirft ihr Licht vielmehr auf etwas ganz Eigenständiges.

Christian Odzuck greift das Vergängliche auf und macht daraus etwas Kostbares. Auf grobem Schotter gehen die Besucher zum Aufgang. Sie laufen auf zerkleinertem Material des von Abrissmaschinen wie dem „Triple-Boom-Bagger“ mit seinen zehn Tonnen schweren Stahlscheren zerlegten Gebäudes. Das Gerüst unter der weißen Skulptur fällt ins Auge. Es zeigt: Hier ist etwas nicht so stabil, wie es scheint. In der Tat: Die wie Beton anmutenden Treppenstufen sind in Wahrheit aus Holz. Der feste Tritt wird auf den Stufen weicher. Die Skulptur-Eroberer begegnen einem Turm aus glatten Betonklötzen, die ein grafisches Logo ziert. Hier kommen wiederverwendete Elemente des verschwundenen Gebäudes zum Einsatz. Sie erfahren eine Umwandlung als Kern des Neuen. Ganz wie der Geist eines Verstorbenen in den ihm vertrauten Menschen fortbestehen kann.

Odzuck greift die Form des Treppenhauses der Ex-OFD auf.

Odzuck greift die Form des Treppenhauses der Ex-OFD auf. Foto: Matthias Ahlke

Die große Wand der von der OFD abgeleiteten Skulptur, über der sich die Plattform befindet, besteht hingegen aus groben Klötzen, die wie Mega-Legosteine aufeinander gesetzt sind. Diese Blöcke seien aus „Restbetonmengen früherer Bauvorhaben“ gegossen worden, informiert der Skulptur-Projekte-Katalog. Kein Stein gleicht dem anderen.

Über diesem großformatigen Mosaik aus geschredderten Resten, recyceltem Material und geretteten Originalen eröffnet sich die Aussicht auf das Werdende. Diese Skulptur lenkt das Augenmerk nicht lediglich auf sich selbst. Sie lädt ein zum Beobachten, zum Innehalten, zum Staunen.

Diese Dimensionen. 18 000 Quadratmeter freie Fläche. Jeden Tag bietet sich ein anderer Anblick. Zu Beginn der Skulptur-Projekte-Zeit war alles eine Sandwüste. Ein Loch wird gebaggert. Letzte Bauteile der OFD wie die Moniereisen aus dem Stahlbeton mussten noch abtransportiert werden. Bagger und Radlader fahren über das Gelände, bewegen die Sandmassen nach einem für den Laien nicht durchschaubaren Plan. Gerade diese scheinbare Sinnfreiheit ist es, die zum längeren Zusehen verleitet. Das Gehirn rätselt nach einem erfassbaren Zweck des Hierhins und Dorthins. Irgendwann wird dies als müßig erkannt. Das reine Wahrnehmen bleibt. Der beobachtende Mensch kommt zur Ruhe. Die Höhe der Plattform hält die emsige Welt auf Abstand.

Nicht so wichtig, was da unten genau geschieht. Morgen sieht es eh schon wieder ganz anders aus. Das Vergängliche ist das Kostbare. Dieses Kunstwerk sagt: „Nimm, was Du findest, und mach‘ was draus. Wechsle mal die Perspektive und kehre mit erweitertem Horizont zurück auf den Boden der Tatsachen.“

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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