Fr., 11.08.2017

Hreinn Friðfinnsson lässt sein Skulptur-Projekt im Sternbuschpark landen Vom Haus, das als Modell auf einem Meteoriten stand

Wie vom Himmel gefallen steht das spiegelnde Haus inmitten einer Lichtung des Sternbuschparks.

Wie vom Himmel gefallen steht das spiegelnde Haus inmitten einer Lichtung des Sternbuschparks. Foto: Gerharz / Kock / Ahlke

Münster - 

Wie war das doch gleich? Ein Linienzug aus genau acht Strecken, wobei keine davon zwei Mal durchlaufen werden darf. Dazu passend acht Silben: „Das ist das Haus vom Ni-ko-laus.“

Von Petra Noppeney

Wie war das doch gleich? Ein Linienzug aus genau acht Strecken, wobei keine davon zwei Mal durchlaufen werden darf. Dazu passend acht Silben: „Das ist das Haus vom Ni-ko-laus.“ Das Zeichenspiel für Kinder kommt einem in den Sinn angesichts des Häuschens, das der Isländer Hreinn Friðfinnsson im Sternbuschpark platziert hat. Auf einer Lichtung, deren Blickfang eine üppige Trauerweide im Hintergrund ist. Wer sich dem Haus-Skelett nähern will, muss sich über Brennnessel-bewucherte Pfade zu ihm kämpfen – wie im Märchen. Oder in einem Abenteuerfilm. Um dann, angelangt bei dem Skulptur-Projekt, zu erkennen: Das ist gar kein Haus vom Ni-ko-laus. Mit acht Strichen ist hier nichts auszurichten.

Schon deshalb nicht, weil es sich um eine dreidimensionale Arbeit handelt, verschweißt, scheinbar wie aus einem Guss. Die Metallstreben, die die Außenwände, das Dach und eine seltsam nach außen gewölbte Tür andeuten, sind aus edlem Material. Keine Schweißnaht lässt die Finger beim Fühlen zurückschrecken. Sie gleiten darüber hinweg, als wäre das Gerippe aus Silber. So glänzt es auch.

Wer die Streben betrachtet, sieht sich selbst – verzerrt gespiegelt. Ist das Haus verwaist, genießt die Flora den Vorzug. Es scheint, als sauge das Haus, mit dem der Mensch „ein Dach über dem Kopf“ und damit Geborgenheit verbindet, die Umgebung in sich auf. Innen wird außen und umgekehrt. In einer weniger bizarren und menschenleeren Umgebung würde das sicher nicht so funktionieren.

Ob Hreinn Friðfinnsson wohl wusste, dass die Lichtung an einer jener fünf historischen Routen liegt, die, auf dem Weg nach Santiago de Compostella, dem Wallfahrtsort des Heiligen Jakobus, das Münsterland kreuzen und queren? Dann hätte er, wie es vielleicht manchem Haus-Betrachter dieser Tage zufällig geschieht, auf Wanderer treffen müssen, die als Erkennungszeichen eine Jakobsmuschel mit sich tragen. Ob Hreinn Friðfinnsson ihnen eine Herberge bescheren wollte, wenn auch nur eine sehr behelfsmäßige? Denkbar wäre es.

Doch dieses einsame Häuschen muss auch als Ergebnis eines zyklischen Prozesses gesehen werden, für den der Katalog Spuren ausweist. Es beginnt mit der isländischen Geschichte, in der ein alter Mann das Innere seines Hauses – Tapeten, Bilder, Vorhänge – nach außen kehrte, um Passanten an der Schönheit seines Domizils teilhaben zu lassen. 1974 baute Hreinn Friðfinnsson ein solches Haus nach. Er platzierte es im Niemandsland nahe der isländischen Hauptstadt Reykjavik und dokumentierte dies fotografisch. 30 Jahre später, als das „First House“ verfallen war, schuf er aus diesem Prototyp ein weiteres, ein normales Haus, das aber verschlossen blieb. In das Innere des „Second House“ konnte nur blicken, wer durch die Fenster spähte.

Der Findige entdeckte dort im Kleinformat die dreidimensionale Skizze eines weiteren Hauses, geheimnisvoll platziert auf einem Meteoritenstück, das wiederum über einem Spiegel schwebte. Dieses „Third House“, ohne Wände, nur von Seitenlinien konturiert, ist nun in Münster zum „Fourth House“ geworden – jenem im Sternbuschpark.Ist das nicht himmlisch?

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

flohmarkt.ms Anzeigen

Schnäppchen und Angebote aus Ihrer Umgebung

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5069287?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F