Do., 21.09.2017

Römerlager in Kalkriese entdeckt Wo sich die Römer eingruben

Grabungsleiter Marc Rappe ist sicher:  Die dunkle Stelle unten an der Wand markiert den römischen Spitzgraben

Grabungsleiter Marc Rappe ist sicher:  Die dunkle Stelle unten an der Wand markiert den römischen Spitzgraben Foto: Johannes Loy

Bramsche-Kalkriese - 

Nach neuerlichen Grabungen in Kalkriese sind die Experten sicher: Auf dem mutmaßlichen Schlachtgelände befand sich vor 2000 Jahren ein provisorisches Marschlager der Römer. Vermutlich ist es Teil des Geschehens der Varusschlacht, das sich im September des Jahres 9 n. Chr. über mehrere Tage hinzog. Auch für die künftige Gestaltung des Museumsgeländes haben die Ausgrabungen Folgen. Denn die These vom Germanenwall, von dem aus die Anhänger des Arminius die Römer bedrängen, lässt sich an dieser Stelle nicht aufrechterhalten.

Von Johannes Loy

Grabungsleiter Marc Rappe klettert in das etwa einen Meter tiefe Grabungsstück, an dessen Ende sich eine markante Vertiefung befindet, ein dunkel gefärbtes „V“. Für Rappe ist der Sachstand eindeutig: Hier befand sich ein Spitzgraben. Die sandgelbe Wall-Anlage davor wurde weitgehend vom Zahn der Zeit und pflügenden Bauern abgetragen, und doch geht aus den bislang zwei zu Tage beförderten Probeschnitten auf dem mutmaßlichen Feld der Varusschlacht bei Bramsche-Kalkriese Eindeutiges hervor. Chef-Archäologe Prof. Dr. Salvatore Ortisi fasst es so zusammen: „Aufgrund der neuen Ergebnisse aus den laufenden Grabungen zeigt sich, dass der schon vor Jahren gefundene Wall­abschnitt im Süden, der Wall, der bei den Grabungen im letzten Jahr entdeckt wurde, und die jetzt gefundenen Anschüttungen Teil einer römischen Befestigungsanlage sind.“

Fotostrecke: Römerlager in Kalkriese entdeckt

Mit anderen Worten: Was schon im vergangenen Jahr vermutet wurde, ist jetzt so gut wie sicher. Was bislang als Hinterhalt der Germanen unter Arminius galt, von wo aus diese angeblich die vorbeiziehenden Römer in einer Art Defilee-Gefecht bekämpften, ist in Wirklichkeit ein provisorisches Marschlager der Römer.

Für Prof. Ortisi gibt es aber auch nach der Grabungs-Zwischenbilanz vom Donnerstag keinen stichhaltigen Grund, an der These zu zweifeln, dass hier ein Teil der Varusschlacht stattgefunden hat: „An der Datierung ändern die neuen Erkenntnisse nichts. Vielmehr ermöglichen sie uns, den Verlauf der Varusschlacht besser zu verstehen“, sagt der Archäologe. Und weiter: „Es ist wirklich spannend, diesen Ort im Kontext der Varusschlacht, die ja immerhin mehrere Tage gedauert haben soll, einzuordnen.“

Sind die Grabungsschnitte mit den Verfärbungen im Boden eher unspektakulär, so bieten drei kleine Fundstücke, die gestern einer großen Schar Journalisten präsentiert wurden, schon eher etwas für das Auge. Es handelt sich um zwei schmückende Anhänger römischen Pferdegeschirrs. Einer davon hat die Form eines Phallus, ein zweiter die Form eines Halbmondes, weshalb Fachleute von einer „Lunula“ sprechen. Sie fanden sich ebenso im Boden wie ein medizinisches Instrument, das Ortisi als „Sonde“ bezeichnet und das die Form eines Bestecks mit kleinem Schaber an der Spitze hat.

Die Befestigungsanlage entspricht im Übrigen nicht den sonstigen römischen Standards. Das etwa vier bis viereinhalb Hektar große Gelände wurde nach Auskunft Ortisis eher unregelmäßig mit einem Wall-Graben-System umgeben. Teilweise war das Gelände, auf dem etwa 3000 bis 4000 Mann Unterschlupf fanden, auch von Bach und Sumpf abgegrenzt.

Chefarchäologe Prof. Salvatore Ortisi, Geschäftsführer Joseph Rottmann (l.) und Universitätspräsident Wolfgang Lücke präsentieren jüngste Funde vom Grabungsgelände, darunter zwei Anhänger römischen Pferdegeschirrs und ein medizinisches Instrument.

Chefarchäologe Prof. Salvatore Ortisi, Geschäftsführer Joseph Rottmann (l.) und Universitätspräsident Wolfgang Lücke präsentieren jüngste Funde vom Grabungsgelände, darunter zwei Anhänger römischen Pferdegeschirrs und ein medizinisches Instrument. Foto: Loy

Die Funde zeigten, so der Archäologe, dass hier auch Kämpfe stattfanden: „Das spricht womöglich dafür, dass wir es hier mit einem der letzten Gefechte zwischen den Römern und Germanen im Verlauf der Varusschlacht zu tun haben“, schlussfolgert Ortisi.

Aus all dem ergeben sich für kommende Jahre immer neue Fragen: Aus welcher Richtung kamen die Römer, gibt es weitere Marschlager? Wo lag der Hinterhalt der Germanen? Es trifft sich gut, dass nach Auskunft von Dr. Joseph Rottmann, dem Geschäftsführer von Museum und Park Kalkriese, sowie dem Präsidenten der Universität Osnabrück, Wolfgang Lücke, in wenigen Wochen die Weichen für zwölf weitere spannende Forschungsjahre in Kalkriese gestellt werden.

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