Mo., 25.09.2017

Herta Müller liest in Münster Die Angst, die Zeit und der Tod

Herta Müller mit dem Übersetzer Ernest Wichner auf der großen Bühne im Theater Münster.

Herta Müller mit dem Übersetzer Ernest Wichner auf der großen Bühne im Theater Münster. Foto: Ralf Emmerich

Münster - 

Die Nobelpreisträgerin für Literatur greift gern zur Schere – um ganze Tage lang Wörter aus Zeitschriften auszuschneiden und in Schubladen zu legen, die später zu literarischen Collagen werden. Als Herta Müller am Ende schmunzelnd sagte, ihre Schubladen seien „wie Bahnhöfe für Wörter“, ging endlich ein leises Lachen durchs Große Haus. Den Hauptteil des Abends über lauschte das Publikum jedoch einer literarischen Stimme des Leidens.

Von unseremMitarbeiterArndt Zinkant

Ein Höhepunkt der Literaturreihe „Paris – Palmyra“; Hermann Wallmann vom Literaturverein sagte zu Beginn, er habe Herta Müller „auf den Knien seines Herzens“ nach Münster gebeten. Nun las die aus Rumänien emigrierte Schriftstellerin aus zwei Werken und schlug im Gespräch mit dem Autor und Übersetzer Ernest Wichner manche Seite ihrer persönlichen Erinnerungen auf. Wichner war mit ihr bereits in der alten Heimat bekannt gewesen und 1975 (zwölf Jahre vor Müller) nach Deutschland gekommen.

Die erste Erzählung führte die Ich-Erzählerin in ihre Schulzeit. In feindselige Natur, die sie sich anzueignen suchte, indem sie alle möglichen Pflanzen aß. Die Angst, die Zeit und der Tod waren ihre Themen. „Richtest du dir immer noch die Zeit so zu, dass du sie aushalten kannst?“, wollte Wichner wissen. „Nun, warum liest man?“, antwortete Herta Müller. „Ich dachte, die Bücher wissen, wie Leben geht.“ Schreibend habe sie sich Zugang zum Leben verschafft. Aber: „Schreiben macht keinen Spaß, also mir nicht.“

Sie habe es ganz ohne Ehrgeiz oder Aussicht auf Veröffentlichung begonnen. Damals, unter dem kommunistischen Ceausescu-Regime, in der „vorindustriell“ wirkenden Schrott-Fabrik, wo sie als Übersetzerin angestellt war. Mit den über den Hof schallenden Arbeiter-Chören, die den Fortschritt besangen. Mit den Partei-Schranzen, die sie und fast jeden andern schikanierten. „Furchtbar!“ Die Erinnerung an Drangsalierung durch den Geheimdienst Securitate war berührend.

Berührend auch ihre Erinnerung an den Lyriker Oskar Pastior (1927-2006), auf dessen Erlebnissen in ukrainischen Lagern ihr Roman „Atemschaukel“ von 2009 beruht. Ein Kapitel daraus las sie in Münster. Allein die grausige Metaphorik des „Hungerengels“, der den Elenden im Lager als Geist, wie ein imaginärer Feind auf der Seele lastet, brennt sich ins Gedächtnis.

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