The Lee Ellroy Show: Beklemmendes Tanztheater
Trauma nach dem Mutter-Mord

Münster -

Das Spiel beginnt als amerikanische Vorstadtidylle. Die Mutter sitzt in der Küche, während der Sohn mit seinem Fahrrad um das Haus saust. Nur die Kulisse wirkt fremdartig. Denn das Gebäude besteht vollständig aus Plexiglas, in dem sich die Protagonisten wie in einem Aquarium bewegen. An diesem Glas klebt der Junge dann förmlich, als er von seinen geschiedenen Eltern erzählt und dabei eine Sprachstörung erkennen lässt, die auf andere, weitaus schlimmere Störungen hindeutet.

Sonntag, 29.10.2017, 16:10 Uhr

Die beiden Protagonisten  bewegen sich durch eine beklemmende Szenerie.
Die beiden Protagonisten  bewegen sich durch eine beklemmende Szenerie. Foto: Chris Van der Burght

In seinem Tanztheater „The Lee Ellroy Show“ setzt sich der belgische Choreograf Hans Van den Broeck mit dem Leben des amerikanischen Schriftstellers James Ellroy auseinander, der als Junge die Ermordung seiner Mutter miterleben musste. Das als deutsche Erstaufführung im Pumpenhaus gezeigte Stück entwickelt eine unverkennbare David-Lynch-Ästhetik und verweist damit auf die Abgründe, die sich hinter den Fassaden einer scheinbar heilen Welt auftun.

Mit Jake Ingram-Dodd und Anuschka Van Oppen stehen zwei Darsteller auf der Bühne, die im Schauspiel ebenso zu Hause sind wie im Tanz und Gesang. In Show-Einlagen thematisieren sie den Geist der 50er Jahre, in denen der Junge bei seiner Mutter aufwächst. Nach deren Tod folgen Jahre des Exzesses, die schließlich zum Zusammenbruch führen und zu einem Neuanfang als Schriftsteller.

Das Material stammt aus Ellroys Buch „My Dark Places“, in dem er sein Trauma literarisch verarbeitet. Van den Broecks Umsetzung ist von Bildern geprägt, die auf den Zuschauer eine ebenso beklemmende wie faszinierende Wirkung ausüben. Im kalten Bühnenlicht erscheinen die Tänzer wie Gestalten aus einer anderen Welt. Ihre Bewegungen werden von einem metallischen Soundtrack bestimmt, der jede nach Zärtlichkeit und Schutz suchende Annäherung brutal zerhämmert.

Zwischen diesen exzessiven Szenen gibt es immer wieder ruhigere Passagen, die aber nicht weniger unheimlich wirken – beispielsweise wenn die Mutter mit einer blutigen Wunde auf dem Rücken in Richtung Zuschauer taumelt oder der Junge allein in seinem Zimmer sitzt und immer wieder sinnlos einen Ball gegen die Wand wirft.

Am Ende des Stücks ertönt aus den Lautsprechern ein Kugelhagel, der die Protagonisten in eine Ecke treibt, wo sie nackt und aneinandergeklammert unter einer Plastikplane Schutz suchen. Eine inhaltlich und ästhetisch gleichermaßen überzeugende Arbeit.

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