Pumpenhaus: Late-Night-Lesung mit Kathrin Passig
„Feldforellen mit scharfen Rechnungen“

Münster -

Lyriklesungen sind furchtbar. So furchtbar, dass die Zuhörer eigentlich für ihre Duldungsstarre bezahlt werden müssten, lächelte Kathrin Passig. Und setzte noch einen drauf: Sie selber habe dies mit einigen Dichterkollegen bereits praktiziert.

Dienstag, 21.11.2017, 18:11 Uhr

Kathrin Passig
Kathrin Passig Foto: Arndt Zinkant

Lyriklesungen sind furchtbar. So furchtbar, dass die Zuhörer eigentlich für ihre Duldungsstarre bezahlt werden müssten, lächelte Kathrin Passig . Und setzte noch einen drauf: Sie selber habe dies mit einigen Dichterkollegen bereits praktiziert – bei einer ihrer Lesungen seien tatsächlich mal fünf Euro Honorar pro Nase im Budget gewesen. Die Germanistik-Studenten, die der Schriftstellerin am Montag im Pumpenhaus lauschten, gingen zwar ohne Bares nach Hause, dafür aber mit einem Lächeln und einigen literarischen Aha-Erlebnissen. Schelmische Zufallsverse über die „Rötelmaus“ inklusive.

Dabei bestand die „Late-Night-Lesung“ gar nicht ausschließlich aus Lyrik, und das gesamte Vorgetragene stammte zu etwa 80 Prozent gar nicht von Kathrin Passig. Durchaus überraschend für eine Autorin, die 2006 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt verliehen bekam. Sie habe eben nichts, was sich wirklich „zum Vorlesen eignet“, beim Durchstöbern ihrer Texte gefunden, bekannte sie anfangs lässig. In diesem Herbst hat die Autorin am Germanistischen Institut eine Poetik-Dozentur inne: Drei öffentliche Vorlesungen an der Schnittstelle von Theorie und Praxis mit dem Titel: „Das arme Internet“.

Die Lesung hatte etwas Workshop-Artiges, und Passig – die offenbar von einem rein studentischen Publikum ausging – streute immer wieder Reflexionen ein. Zum Beispiel über die Meriten der automatischen Google-Übersetzung, die sich einerseits verbessert habe, andererseits gerade dort, wo sie an ihre Grenzen stößt, skurrile Poesie hervorbringe. Zum Beispiel bei dem Buch „Der Wanderfalke“ (1967) von John A. Baker. So kenne das Programm das englische Wort „bill“ für Schnabel ­(„beak“) nicht. Es entstünden dann poetische Passagen über „Feldforellen mit scharfen Rechnungen“.

Die Schriftstellerin, die auch als Übersetzerin arbeitet, bekannte sich zur mittlerweile wieder abgeflauten Pokémon-Manie: „Dieses FEEL, wenn das Pokémon nah und doch unerreichbar ist“, twitterte sie – und: „Man müsste ein Sonett darüber schreiben.“ Gesagt, getan! Was herauskam, waren blumig geschmiedete Verse, die allerdings nur für Eingeweihte verständlich sind. „Aber bei Barock-Gedichten, die viele Anspielungen auf griechische Götter enthalten, ist es doch auch nicht viel anders. Da verstehen Sie auch nicht alles“, lächelte Kathrin Passig.

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