Mitreißende Lesung von „Halpern und Johnson“
Der ideale Mann sind zwei

Münster -

Zwei Männer und eine Frau: Nur Adam und Eva konnte dieser Beziehungsklassiker nie zu Fall bringen. „Halpern und Johnson“ in Lionel Goldsteins gleichnamigem Kammerdialog zwingt er zum Aufklärungs-Marathon. Gerade hat Halpern seine Gattin Florence zu Grabe getragen, da taucht ein Unbekannter auf und eröffnet dem perplexen Witwer ein Paralleluniversum in Sachen Liebe: „Flo“ habe ein Jahrzehnte dauerndes Verhältnis zu ihm unterhalten, allerdings auf platonischer Basis. In der Mitte der Bühne des Kleinen Hauses war ein schwarzer Sarg platziert, von je einem Tisch samt Stuhl flankiert, Herbstblätter verstreuten sich pittoresk auf Sarg und Boden: Der Herbst der Lebens präsentierte sich in dieser „Szenischen Lesung“ mit offenherziger Symbolik.

Sonntag, 11.02.2018, 15:02 Uhr

Privat ganz harmonisch: Udo Samel (l.) und Gerd Wameling lieferten sich in ihrer szenischen Lesung ein wundervolles Streitgespräch.
Privat ganz harmonisch: Udo Samel (l.) und Gerd Wameling lieferten sich in ihrer szenischen Lesung ein wundervolles Streitgespräch. Foto: Günter Moseler

In der Weverinck-Reihe „Meister des Wortes“ stritten sich Udo Samel als Ehegatte Halpern und Gerd Wameling als Johnson ums Vorrecht wahrer Liebe zur rätselhaften Florence, die ein je anderes – konträres – Rollenbild parat hatte. Liebte der Gatte etwa ihre (scheinbar) häusliche Natur, so schätzte der Konkurrent ihre kulturbeflissenen Interessen. Beiden Männern jedoch entlockte sie das jeweils Beste und realisierte so ihre Vorstellung vom idealen (Ehe-)Mann. Der Gatte wühlt in Erinnerungen wie in einem Wäschekorb, der platonische Liebhaber blättert in ihnen wie in einer Zeitung – hitzig und trotzig der eine, distinguiert und beherrscht der andere: „Was wühlen Sie meine Vergangenheit auf?“ - „Weil es auch meine Vergangenheit ist!“

Im bedächtigen Tempo hatten Samel und Wameling ihre Plätze geentert, entfaltete sich im Lovestory-Seniorenduell die Gravitas endzeitlicher Emotionen und Eifersucht. Samel las die Partie des cholerischen Gatten mit kulinarischer Lust, als würde er seinen Text am liebsten mit Haut und Haar verspeisen, während Wameling als Kunstfreund meist diätische Dezenz wahrte. In Samels vehementer Diktion schäumte der Lebenssaft aus allen Poren, wenn er Luft holte, drohten Empörungsexplosionen. Wameling konterte mit dem Märchentonfall des Intellektuellen, der sich dem Wüterich überlegen fühlt: „Ist es unmoralisch, sich mit ihr unterhalten zu haben?!“

Irgendwann gerät der Diskurs der Männer ins Gleichgewicht, protzt man mit Potenz und jammert über die Prostata. Da wich am Ende die Goldgräberstimmung restloser Entlarvung dem Liebeskater, der beide Mannsbilder heimsuchte: „Gefühle und Erinnerungen sind das Maß des Lebens“, bilanziert Johnson altväterlich. So versöhnt Florence die Streithähne am Grab: Der perfekte Mann – das sind vielleicht immer zwei ... Harmonischer Beifall.

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