Kunsthalle Münster zeigt Kunstvideo „Mark Trade“ von Ryan Trecartin
Labernder Freak der digitalen Welt

Münster -

Vielleicht mag ein Algorithmus einen höheren Sinn in diesen 73.30 Minuten Dauerfeuer mit Bildern und Texten herausrechnen. Das menschliche Gehirn vermag nach dem ersten Schauen lediglich ein Gefühl auf den Begriff zu bringen: „Hä?“.

Mittwoch, 14.02.2018, 23:02 Uhr

Eine der ruhigeren Szenen im Video „Mark Trade“ von Ryan Trecartin, das die Kunsthalle Münster zeigt.
Eine der ruhigeren Szenen im Video „Mark Trade“ von Ryan Trecartin, das die Kunsthalle Münster zeigt. Foto: Ryan Trecartin

Vielleicht mag ein Algorithmus einen höheren Sinn in diesen 73.30 Minuten Dauerfeuer mit Bildern und Texten herausrechnen. Das menschliche Gehirn vermag nach dem ersten Schauen lediglich ein Gefühl auf den Begriff zu bringen: „Hä?“. Mit Ryan Trecartin zeigt die Kunsthalle Münster in ihrer Videokunst-Ausstellung „beyond future is past“ den Vertreter einer Künstlergeneration, die mit Internet und seinem „Wissen“ und „Werten“ aufgewachsen ist. Müll oder Rohstoff?

Trecartin wendet Ästhetik, Rhythmus und Sprache von Facebook und Youtube an: Alles wirkt trashig unfertig, ungesund hektisch und dauerpubertär rotzig. Was zählt, ist das Erleben im Augenblick. „Im Hier und Jetzt zu sein“ hatten sich Buddhisten vermutlich anders vorgestellt. Was daran liegt, dass der Künstler als Mark Trade in „Mark Trade“ ein Freak, ein Zombie, einfach jemand ist, der in der analogen Welt „ein kaputter Typ“ genannt werden würde.

Der Name Mark Trade spielt mit der Allgegenwart von Kommerz der Trade Marks und weist in die Richtung, in die Trecartins anspielungsreiche Verspottung einer durchamerikanisierten Digitalwelt geht. Das eine Bein seiner Boxer-Shorts steckt in der US-Flagge, das andere zeigt militärische Tarnfarben. Aus seiner Baseballkappe hängen strohblonde Zöpfe heraus wie bei Britney Spears in ihrem Video „Baby one more time“. Stahlblaue Kontaktlinsen vermitteln den Eindruck eines Außerirdischen. Auf seinen Socken steht „Beer“, und seine Händen halten eigentlich immer eine Nuckelflasche von derlei ungesund aufputschenden und berauschenden Getränken.

Seine Sprüche pendeln zwischen philosophischen Scheinweisheiten, Männer-Macho-Sprüchen und ausgespuckten Unwilligkeitsbekundungen aller Art, nie der feinen englischen Art. Phasenweise quengelt er metallisch im Modus Auto-Tune, eine Art Photoshop für Stimmen.

Gedreht wurde in ländlichen Gegenden (Bisons queren die Landschaft), den Salzebenen der Wüste Utahs oder den Bergen Südkaliforniens. Auch Wohnmobile oder versiffte Häuser bieten ein Ambiente für die Filmerei in amateurhafter Wackeloptik. Dementsprechend wird das Credo der Youtube-Welt propagiert: „Jeder sollte filmen.“ Angesichts des Videos von Ryan Trecartin sind Zweifel erlaubt. Und das könnte Sinn und Botschaft dieser Video-Arbeit sein.

Nach über einer Stunde Chaostour stellt Mark Trade fest: „It’s just the first level.“ Das klingt wie eine Drohung. Oder eine Hoffnung, dass irgendwann irgendwer Ordnung und Übersicht in das heillose Chaos bringen möge.

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Der Film „Mark Trade“ ist ab Freitag (16. Januar) bis 25. Februar in der Kunsthalle, Hafenweg 28, zu sehen. Dienstag bis Freitag von 14 bis 19 sowie Samstag und Sonntag von 12 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

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