Fringe-Ensemble zeigte Christa Wolfs „Kassandra“
Entlarvender Blick auf Männer

Münster -

Kassandras Bericht beginnt mit einem Theaterdonner aus sechs Quadratmetern Stahlblech. Das ist nicht übertrieben für eine Geschichte, die den Trojanischen Krieg nebst Vorgeschichte und Nachspiel umfasst. Erzählt wird sie hier von Christa Wolf. Das Bonner Fringe Ensemble hat deren 1983 erschienene Erzählung „Kassandra“ für das Theater eingerichtet und war damit zu Gast im Pumpenhaus.

Donnerstag, 08.03.2018, 17:03 Uhr

Mit Justine Hauer, Nicole Kersten und Bettina Marugg sind gleich drei Kassandren auf der Bühne.
Mit Justine Hauer, Nicole Kersten und Bettina Marugg sind gleich drei Kassandren auf der Bühne. Foto: nn

Mit Justine Hauer, Nicole Kersten und Bettina Marugg sind gleich drei Kassandren auf der Bühne. Komfortabel sitzen sie in einem Wohnzimmerambiente mit Polsterstühlen und Cocktailtisch. Aber der Schein trügt. Was verhandelt wird, ist ein fatales Männerspiel, bei dem Frauen nur die Opferrolle bleibt. Eine dieser Frauen ist Kassandra, die Seherin, der man nicht glaubt. Kurz vor ihrer Ermordung „sticht“ sie ihr Gedächtnis an. Was her­ausfließt, hat mit einem Heldenepos wenig zu tun.

Kassandras Blick auf die Männer ist entlarvend. Wo diese Ehre und Werte proklamieren, erkennt sie Selbstsucht und Machtgier. Ihre Warnungen werden nicht gehört, weil sie nicht gehört werden wollen. Zur Priesterin macht man sie, damit sie nicht stört. Sie spielt mit, weil sie glaubt, dass das zum Erwachsensein gehört. Genauso wie unerfüllte Liebe und all die anderen Katastrophen in einer Welt, deren Gesetze von Männern gemacht werden.

Wolfs Text ist konzentriert und fordert viel Aufmerksamkeit vom Zuschauer. Nicht immer ist es leicht, angesichts der Fülle an Ereignissen und handelnden Personen den Überblick zu behalten.

Dass man trotzdem nicht aussteigt, verdankt sich dem Spiel des Ensembles. Die Schauspierinnen legen eine beeindruckende Sprechkultur an den Tag und lassen ihre Protagonistin mit genau dem richtigen Maß an Emotionen lebendig werden.

Hinzu kommt Frank Heuels Regie, die mit wirkungsvollen Effekten das Geschehen akzentuiert. Wenn Bettina Marugg zitternd gegen die Stahlbleche rennt und diese zum Donnern bringt, wird Kassandras Wahnsinn greifbar. Als mentaler Gegenpol fungiert Justine Hauer, die erst mal Zigaretten dreht, während Nicole Kersten anklagend schildert, wie Kassandras Schwester missbraucht wird, um Achilles zu überlisten, und dabei dessen Namen förmlich ausspuckt. Eine großartige Vorstellung von drei großartigen Schauspielerinnen.

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