Sabeth Dannenberg stellt ihr neues Stück „Camouflage“ vor
Töten oder sterben für eine Idee?

Münster -

Die Bühne ist ein Wald aus dürren Bäumen. In der Mitte der Chinesische Mast, eine vier Meter lange, vertikal aufgestellte Stange für die akrobatischen Einlagen. Noch ragt er autistisch in die Höhe. Das Intro von Sabeth Dannenbergs neuer Produktion „Camouflage“ spielt sich am Boden ab. Wie etwas Tierhaftes, das noch im Werden begriffen ist, kriecht die Performerin zwischen den Bäumen umher, dreht und windet sich und strebt auf den Mast zu, der ihr erstmals eine Transformation in die Senkrechte ermöglicht. Die Geburt eines Menschen, einer Frau, genauer gesagt, und einer Kämpferin, wie sich später herausstellen wird.

Sonntag, 15.04.2018, 14:04 Uhr

Sabeth Dannenberg tanzt und kämpft sich durch ihr Stück.
Sabeth Dannenberg tanzt und kämpft sich durch ihr Stück. Foto: Ralf Emmerich

Kann eine Idee so rein sein, dass es gerechtfertigt ist, dafür zu töten? Oder selbst dafür zu sterben? Das sind Fragen, die Dannenberg sich und dem Publikum im Pumpenhaus stellt. „Ich glaube an die Liebe, an die Gerechtigkeit, an das Leben“, verkündet sie. Es klingt wie ein Manifest, ist aber noch keine Antwort. Eine solche wird es auch im weiteren Verlauf des Stücks nicht geben. Zumindest keine auf rationaler Basis. Ihr Spiel ist ein poetisches – bildhaft und von Metaphern und Eindrücken bestimmt. Damit stellt sie die Frage gewissermaßen zur Disposition. Und wahrscheinlich ist das die einzige Möglichkeit, mit einer solchen Frage umzugehen.

Im zweiten Teil der Performance wird Dannenberg konkreter. Martialisch muten ihre Bewegungen jetzt an. Eine Stange, mit der sie hantiert, wird zum Speer der Buschkriegerin und zur Panzerfaust, mit der die Partisanin ihre Feinde ins Visier nimmt. Es ist ein Tanz mit der Gewalt, den Dannenberg hier aufführt und bei dem sich der Täter schwer vom Opfer unterscheiden lässt. Unbesiegbar wirkt sie, wenn sie behände den Chinesischen Mast erklimmt und wie von einem geheimen Stützpunkt aus die Lage sondiert. Dann wird sie gefangen. Folter, ein stummer Schrei mit weit aufgerissenem Mund. Eine Orange, die ihr vorher Sinnbild des Lebens war, zerreißt sie jetzt zwischen den Zähnen, dass der Saft nur so spritzt.

Dannenberg ist mit „Camouflage“ eine beeindruckende Inszenierung gelungen. Nicht nur, weil sie Tanz und Akrobatik mit einem politischen Thema verbindet, sondern auch, weil sie die Gewaltfrage abstrahiert, indem sie sie auf eine sinnlich-poetische Ebene hebt. Ebenfalls große Wirkung erzielt die Musik von Gregor Keienburg, die das Geschehen mit vibrierenden Tönen unterstreicht.

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