Großer Applaus für Jules Massenets Oper „Cendrillon“ in Münster
Liebe gibt’s nicht nur im Kino

Münster -

Es wird gewiss nicht schaden, sich die Fußnägel zu feilen, bevor man den Pantoffel des Prinzen anprobiert. Dachten sich all die schönen Damen in der Oper „Cendrillon“, die vergebens mit dem titelgebenden Aschenputtel wetteiferten. Ein hübsches Detail, das man auf der Bühne des Großen Hauses wohl nur schwer erkennen könnte. Aber auf der Leinwand, in schwarz-weißer Kino-Optik, funktioniert das prächtig.

Sonntag, 15.04.2018, 16:04 Uhr

Die Fee (Kathrin Filip, l.) und ihre Geister sehen das Porträt Cendrillons (Henrike Jacob) auf der Kinoleinwand, während das echte Aschenputtel kurz mal zu Boden gesunken ist.
Die Fee (Kathrin Filip, l.) und ihre Geister sehen das Porträt Cendrillons (Henrike Jacob) auf der Kinoleinwand, während das echte Aschenputtel kurz mal zu Boden gesunken ist. Foto: Oliver Berg

Regisseur Roman Hovenbitzer macht Kino im Theater und hat sich von Oliver Berg einige schöne Filmsequenzen vorbereiten lassen. Der Grund: Die 1899 uraufgeführte Märchenoper von Jules Massenet thematisiert, über den Märchenstoff hinausgehend, den Traum der armen Heldin von einem besseren Leben – wie ihn die Traummaschine Kino immer wieder bietet. Dass eine kleine Putzkraft im Lichtspielhaus ausgerechnet einen Stummfilm über das Märchen „Cendrillon“ sieht, ist ein fabelhafter Ausgangspunkt für die Inszenierung.

Der putzige Kinosaal, den Ausstatter Bernhard Niechotz geschaffen hat, lässt sich für den dritten Akt der Oper auch in eine winterliche Traumlandschaft verwandeln, in der die hilfreiche Fee und ihre Geister so kitschigschön aussehen dürfen, wie es nur der Traum erlaubt. Auf der anderen Seite betonen die Kostüme die schrille Welt der Realitätsebene: Die Kleider der Stiefschwestern sind so überkandidelt, dass sich die Mädchen nur mit Mühe hinsetzen können, und die Frackschöße der Hofgesellschaft machen aus den Herren veritable Pinguine.

Jules Massenets Musik dürfte für die meisten Theaterbesucher eine Neuheit sein – und eine Entdeckung, für die vor allem Stefan Veselka bürgt. Münsters Erster Kapellmeister, längst zum Spezialisten fürs französische Repertoire geworden, lässt die Melodien im Orchester aufblühen, als hätten die Musiker dieses Stück seit Jahren verinnerlicht, schafft mit eleganten Verzögerungen Atmosphäre, hält den Pomp klangvoll im Rahmen und führt die Sänger souverän durch den Abend. Sie danken es ihm: Henrike Jacob in der anspruchsvollen Titelpartie und Kathrin Filip als ihre hilfreiche Fee wechseln einander in schönster Harmonie mit lyrischer Emphase und glitzernden Arabesken ab, Youn-Seong Shim ist ein toller Tenor-Prinz. Die Regie zeigt ihn als großes Kind, das etwas hilflos auf seinem Kronleuchter sitzt, und lässt es auch sonst auf der Bühne lebhaft menscheln. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist das Duett von Cendrillon mit ihrem Vater (eine dankbare Partie für Gregor Dalal), das nicht nur musikalisch einen Höhepunkt bietet, sondern auch szenisch ein schönes Schwelgen in Erinnerungen ist – als wär’s ein Zitat aus dem Jodie-Foster-Film „Familienfest“. Wenn die Damen hingegen vor dem Prinzen auflaufen wie in einer schlechten Modelshow, wird der Abend richtig witzig.

Auch für die übrigen Sänger, allen voran Suzanne McLeod als Stiefmutter, und den ebenfalls fein abgestimmten Chor (Inna Bat­yuk) bietet die zweistündige Oper wunderbar genutzte Möglichkeiten. Wann gibt es mehr von Massenet?

Zum Thema

Nächste Aufführungen: 25. und 29. April, 3. und 8. Mai   | www.theater-muenster.com

...
Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5662362?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
Sehnsüchtig-spießig wie Baltimore
Klaus Brinkbäumer äußert sich über Münster.
Nachrichten-Ticker