Di., 11.04.2017

Akademie Franz Hitze Haus Antonius Kerkhoff: „Gesellschaftlich relevant bleiben“

Antonius Kerkhoff (59) ist seit Anfang 2017 als Akademiedirektor des Franz -Hitze-Hauses im Amt.

Antonius Kerkhoff (59) ist seit Anfang 2017 als Akademiedirektor des Franz -Hitze-Hauses im Amt. Foto: Wilfried Gerharz

Münster - 

Seit rund 100 Tagen ist der neue Direktor der Akademie Franz Hitze Haus in Münster, Antonius Kerkhoff (59), offiziell im Amt. Anlass für eine erste Zwischenbilanz.

Von Johannes Loy

Mit Ende 50 noch Neuland zu betreten, ist nicht so ganz alltäglich. Was hat Sie an dieser Aufgabe besonders gereizt?

Antonius Kerkhoff: Das Franz Hitze Haus hat einen hervorragenden Ruf und greift aktuelle Themen aus den Bereichen Sozial-, Wirtschafts- und Medizinethik sowie Theologie an der Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft auf. Diese mit den Möglichkeiten eines eigenen Tagungshauses vertiefend bearbeiten zu können, hat mich gereizt.

Sie sind jetzt in den großen Fußstapfen des neuen ZdK- Präsidenten Prof. Dr. Thomas Sternberg unterwegs. Er hatte rund 28 Jahre Zeit, dem Hitze-Haus ein akademisches Profil zu geben. Sie haben jetzt sieben Jahre Amtszeit vor sich. Bleibt Ihnen genug Zeit, Pflöcke einzuschlagen?

Kerkhoff: In der heutigen Zeit ist es kaum noch üblich, das gesamte Arbeitsleben an nur eine Arbeitsstelle gebunden zu sein. Im Wechsel liegen für alle Beteiligten vielfältige Chancen. Nach meiner Erfahrung bietet eine Zeitspanne von sieben Jahren ausreichende Möglichkeiten, eigene Akzente zu setzen und das Profil einer Institution weiterzuentwickeln. Dazu zählt sicherlich der interdisziplinäre Diskurs auf akademischer Ebene, aber auch die Frage eines Transfers von wissenschaftlichen Erkenntnissen in Kirche und Gesellschaft wie dies aktuell durch die Auskoppelung einzelner Abendvorträge aus einer interdisziplinären Tagung zum Transhumanismus geschieht.

Wie ist es derzeit um die Situation der Diözesanakademien allgemein und besonders um das Franz Hitze Haus in Münster bestellt?

Kerkhoff: Bei einer Akademieleitertagung in Wittenberg war eine große Anerkennung für die Arbeit der Akademien spürbar als Orte des Dialogs und Räume des offenen Nachdenkens, in denen sich auch Distanzierte, Zweifler und Suchende willkommen fühlen. Kirchliche Akademien verstehen sich als Teil einer pluralen Gesellschaft und wollen diese aus der christlichen Botschaft heraus prägen und gestalten. Die Nachfrage nach unseren Angeboten ist sehr gut.

Dringen theologische und kirchliche Themen noch zum Akademie-Publikum durch?

Kerkhoff: Diesbezüglich gilt es zu differenzieren: Ein akademischer Abend zu „Amoris laetitia“ wurde überwiegend von älteren Teilnehmern und Fachpublikum besucht. Gute Resonanz fanden die Veranstaltungen, die wir zum Reformationsjubiläum angeboten haben. Neue Formate wie Religion im Film und die Auseinandersetzung mit Literatur und Kunst finden auch ein jüngeres Publikum.

Welche Schwerpunkte möchten Sie in den nächsten Monaten und Jahren setzen?

Kerkhoff: Die globale Agenda 2030 als Chance für mehr Gerechtigkeit und Frieden wird uns beschäftigen. Der Klimawandel zeigt, dass die Würde des Menschen nicht mehr unabhängig von der Bewahrung der Schöpfung zu sehen ist. Dies fassen wir unter das Thema „Transformationsgesellschaft“. Die Frage nach Gott in einer pluralen Gesellschaft, der interreligiöse und interkulturelle Dialog werden Schwerpunkte sein, ebenso unser Beitrag zu einer gemeinwohlorientierten Gesellschaft.

Die Zeit der großen theologischen Köpfe, die auch noch die Konzilszeit erlebten, scheint vorbei zu sein. Welche Denker kommen jetzt nach?

Kerkhoff: Die Zeit der großen Namen scheint in der Tat vorbei zu sein. Die Welt ist komplexer geworden. Die Gestalt von Kirche verändert sich ebenfalls. Fragen der Kirchenentwicklung, der Ökumene und des interreligiösen Dialoges, aber auch Fragen nach der Relevanz des christlichen Glaubens für alle Lebensbereiche des Menschen sind auf unserer Agenda und dies in der Zusammenarbeit mit Theologinnen und Theologen, die sich um eine „Verheutigung“ des Glaubens bemühen.

Wie bewerten Sie die derzeitige, von vielen als resignativ empfundene Situation des christlichen Glaubens und der Kirche in Deutschland?

Kerkhoff: Wir leben in einer Zeit des Wandels, der Veränderung, die auch vor den Kirchen nicht Halt macht. Kirche hat vielfältige Möglichkeiten der Mitgestaltung der Gesellschaft, unter anderem über ihre Institutionen. Dies sollt man nicht kleinreden. Feststellbar ist auch eine Suche nach Spiritualität und Orientierung in einer unübersichtlich gewordenen Welt.

Haben wir es mit einer Kirchenkrise oder mit einer, wie J. B. Metz es formuliert, „Gotteskrise“ zu tun?

Kerkhoff: Wir leben in einer pluralen Situation mit unterschiedlichen Sinn- und Lebensentwürfen. Kirche ist da nur ein Anbieter und hat den Auftrag, die biblische Botschaft einladend weiterzugeben. Menschen möchten aber auch an kirchlichen Grundvollzügen beteiligt werden, wollen mitgestalten und sich in einer Gemeinschaft als selbstwirksam erfahren.

Welche gangbaren Wege für die Katholische Kirche sehen Sie für die nächsten Jahre?

Kerkhoff: Für mich scheint das Prinzip der Synodalität auf der Ebene der Weltkirche und das der Subsidiarität auf der Ebene der Ortskirche wesentlich zu sein. Papst Franziskus appelliert in seinen Ansprachen an die Verantwortung der Bischöfe für die jeweiligen Ortskirchen. Das Subsidiaritätsprinzip meint, kleinere Gemeinwesen bei ihren Aufgaben zu unterstützen, so dass sie ihren Beitrag zum Ganzen leisten können. Es gibt viele Charismen in der Kirche, die es zu entdecken und zu fördern gilt. Eine Gefahr sehe ich in einer Verkirchlichung des Christentums, das seine gesellschaftliche Relevanz einbüßen würde.

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