Schulforscher im Interview
Erfolg und Scheitern lernen

Münster -

Ewald Terhart, renommierter Schulforscher von der Universität Münster, wird zum Ende des Sommersemesters emeritiert. Wie beurteilt er die Entwicklung der Schulbildung in den vergangenen Jahrzehnten?

Sonntag, 15.07.2018, 18:16 Uhr

Schulforscher Prof. Ewald Terhart hat die Entwicklung der Bildungslandschaft über Jahrzehnte begleitet.
Schulforscher Prof. Ewald Terhart hat die Entwicklung der Bildungslandschaft über Jahrzehnte begleitet. Foto: Peter Leßmann/WWU

Auf dem ersten Zeugnis von Prof. Ewald Terhart, bekannter Schulforscher von der Universität Münster, stand kurz und bündig: „Leistungen: gut. Ewald wird versetzt“. Die Zeugnisse, die Kinder am Freitag erhielten, sind aufschlussreicher. Über Veränderungen von Schule und Entwicklungen der Bildungslandschaft in Münster sprach unsere Redakteurin Karin Völker mit Ewald Terhart, der zum Ende dieses Sommersemesters emeritiert wird.

Ihr Zeugnis im ersten Schuljahr war kurz und bündig. Wie war es sonst für Sie in den ersten Schuljahren?

Terhart: Ich war die ersten vier Jahre in einer ganz kleinen Grundschule auf dem Land bei Borken. Eine Lehrerin unterrichtete vier Jahrgänge gleichzeitig.

Ist Schule heute insgesamt viel besser als in den 50er-Jahren?

Terhart: Alle Kinder haben heute mehr Chancen auf Bildung, auch die Kinder, die in ländlichen Gebieten aufwachsen. In ganz Deutschland hat es eine riesige Bildungsexpansion gegeben. Immer mehr Kinder verbringen immer mehr Lebenszeit in immer höherwertigen Bildungseinrichtungen. Über 50 Prozent der Schulabsolventen erreichen heute eine Hochschulzugangsberechtigung.

Sind die Schulabsolventen heute denn auch gebildeter?

Terhart: In einem formalen, auf Abschlüsse bezogenen Sinne ganz sicher. Weil heute fast jeder möglichst hohe Bildungsabschlüsse anstrebt, werden sie einerseits entwertet. Gleichzeitig wird es aber immer wichtiger, sie zu haben. Das Abitur garantiert heute nichts mehr, es gilt aber als Voraussetzung dafür, dass sich bestimmte Karrierechancen erst eröffnen.

Und wie steht es mit Bildung im Sinne von All­gemeinwissen?

Terhart: Das Niveau ist in den vergangenen Jahrzehnten schon sehr gestiegen. Viel mehr Menschen sprechen heute Fremdsprachen, Reisen ist heute fast für jeden selbstverständlich. Die Menschen sind weltläufiger. Und das Interesse an Bildung ist heute deutlich höher als früher, das ist alles positiv.

Wie werden denn die Zeugnisse, die die Kinder heute bekommen, ihren Leistungen gerecht? Braucht die Schule Zensuren?

Terhart: Ich meine ja. Die Selektionsfunktion gehört zum System Schule – und ich meine das im Sinne der Eröffnung von Chancen. Die Schule mit ihrer Leistungsorientierung ist ein Berechtigungswesen, sie eröffnet Möglichkeiten. Ohne sie würden Privilegien und genauso Benachteiligungen zementiert. Und es gibt auch viele Kinder, die die Schule und ihr Berechtigungs­system brauchen, um sich entwickeln zu können.

Da sprechen Sie wahrscheinlich eher von den Schülern mit guten Noten . . .

Terhart: Gute Noten sind natürlich angenehmer als schlechte. Aber Erfolg und Scheitern sind wichtige Lebenserfahrungen, die in der Schule gelernt werden. Unser System ist nicht perfekt, aber Schulnoten abzuschaffen wäre sicher rückwärts­gewandt.

Entwickelt sich unser Schulsystem vom drei­gliedrigen zum zweiglie­drigen? Die Hauptschulen sind fast verschwunden.

Terhart: Es gibt im Grunde noch zwei Säulen. Neben dem Gymnasium haben viele Kommunen nur noch eine weitere Schule – ein inte­griertes System, das das Abitur anbietet, aber auch alle anderen Bildungsgänge. Diese Tendenz ist der demografischen Entwicklung geschuldet.

Wäre es dann nicht sinnvoll, wenn es nur noch eine Säule gäbe?

Terhart: Die Bevölkerung ist dagegen. In der Politik gilt: Wer das Gymnasium abschaffen will, wird selbst abgeschafft. Und integrierte Schulen brauchen die Akzeptanz der Bevölkerung, sonst wird der Druck auf das Gymnasium noch größer.

Und wenn es am Ende nur noch das Gymnasium gäbe?

Terhart: Die Folge wäre, dass es eine starke Differenzierung unter den Gymnasien gäbe. Es würden sich – noch stärker, als es heute schon sichtbar wird – Elitegymnasien bilden, etwa solche Schulen, die Latein ab Klasse fünf anbieten. Und es würden sich noch mehr ­Privatschulen gründen. In den letzten zehn Jahren ist ihr Anteil in Deutschland schon von fünf auf zwölf Prozent angewachsen. Das ist übrigens wenig im ­Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern.

Wie bedarfsgerecht ist das Schulangebot hier in Münster?

Terhart: Verglichen mit ganz Deutschland hat Münster eine untypische Schullandschaft. Sie spiegelt, dass Münster eine Bildungsstadt ist. Die Nachfrage nach Gymnasien ist besonders groß. Sichtbar ist hier aber auch die starke Tendenz, dass auch viele Eltern aus einem bürgerlichen Milieu in Münster sich für die Gesamtschule interessieren.

Das Schlaun-Gymnasium ist dringend sanierungs­bedürftig, und es gibt den Vorschlag, die Schule größer in Gremmendorf neu zu bauen. Was wäre aus Ihrer Sicht ein guter Weg?

Terhart: Aus ökonomischer Sicht spricht manches dafür, größere Schulen zu haben. Aber die Debatte hier hat gezeigt, dass, ich zitiere hier einen früheren Kollegen unseres Instituts, es leichter ist, im Ruhrgebiet eine Zeche zu schließen als in Münster ein Gymnasium. Letztendlich ist die Zukunft des Schlaun-Gymnasiums eine lokalpolitische Angelegenheit und nicht wirklich ­entscheidend für die Schullandschaft der Stadt.

Die Gymnasien kehren nach der Entscheidung des Landes nun zu G 9 zurück. Ein richtiger Schritt?

Terhart: Das war und ist eine politische Entscheidung. Aber keine wissenschaftlich fundierte. Es gab aus wissenschaftlicher Sicht keine zwingenden Gründe, G 8 einzuführen, und auch jetzt keine, wieder zur neunjährigen Schulzeit zurückzukehren.

Das Thema Inklusion ist ein weiterer schulpolitischer Zankapfel. Wie bewerten Sie hier die gegenwärtige Situation?

Terhart: Die Umsetzung wurde nicht sorgfältig genug vorbereitet. Die alte Regierung hat sich dabei überschätzt, und die neue Regierung wirft jetzt das Ruder nicht vollständig herum. Vor allem fehlte es an Ressourcen einer fundierten Weiterbildung der Lehrer – grundsätzlich ein Thema, das stark vernachlässigt wird. Lehrer wird man ja nicht im Studium, sondern im Beruf.

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