Nachrichten Münster

Mi., 29.04.2009

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„Hochbegabungs-Hysterie“

Ein Grundschüler liest Shakespeare. Knapp zwei Prozent der Bevölkerung gelten als hochbegabt.Foto: dpa
Von Martin Kalitschke

Münster - Ansturm auf Intelligenztests: Immer mehr Münsteraner wollen wissen, ob ihr Kind hochbegabt ist. „Das Thema hat Hochkonjunktur“, berichtet Lothar Dunkel, Leiter der schulpsychologischen Beratungsstelle. Doch nicht immer werde der IQ nur zum Wohl des Kindes ermittelt. „Mittlerweile ist bei manchen eine regelrechte Hochbegabungs-Hysterie ausgebrochen“, warnt Dunkel.

Eine Hysterie, bei der einige Eltern lediglich ihre eigene Eitelkeit im Blick hätten. Harte Worte, doch der Psychologe betont, dass er zu seiner Meinung beim nächsten Treffen mit den münsterischen Hochbegabten-Vereinen stehen werde. „Manches, was bei diesem Thema geschieht, grenzt schon an Wahnsinn.“

Manches - aber noch lange nicht alles. Christine Weber-Steinhaus ist Vorsitzende des Elternvereins „Ini“ und hat selbst einen hochbegabten Sohn. „Er hat sich regelrecht durch die Grundschule gequält, bekam Bauchschmerzen und Ausschläge“, erinnert sie sich. „Die Lehrerin hielt ihn einfach für ungeeignet für die Schule.“ Weber-Steinhaus entschied sich für einen Hochbegabtentest, der zum Volltreffer wurde. Ihr Sohn übersprang eine Klasse, und seit er auf dem Gymnasium ist, „läuft alles richtig gut“. Eltern, die schon fast hysterisch nach Indizien suchen, dass ihr Kind schlauer als andere ist, kennt sie jedenfalls nicht: „An unseren Verein wenden sich nur Eltern, deren Kinder unglücklich sind.“

Unglücklich, aber durchaus normal, wie Michaela Rapp, Leiterin des Hochbegabten-Vereins Esca Mentis, betont. Vehement wehrt sie sich gegen das Bild vom „beknackten Hochbegabten“, der von „bekloppten Eltern“ zum IQ-Test getrieben wird. Gleichzeitig hat sie wenig Verständnis dafür, solche Tests ohne Not durchzuführen. „Wenn das Kind superfit ist und in der Schule alles gut läuft, muss man es doch nicht unbedingt testen.“ Das sieht Weber-Steinhaus ähnlich: „Muss ich in einem solchen Fall wirklich wissen, ob der IQ über oder unter 130 liegt?“

Auf der anderen Seite können solche Tests, die bis zu vier Stunden dauern und zwischen 100 und 700 Euro kosten, wertvolle diagnostische Hilfe leisten. „Wenn bei einem auffälligen Kind gar nicht erst versucht wird, eine Hochbegabung festzustellen, kann es im schlimmsten Fall auf einer Sonderschule landen“, warnt Beate Möller, Diplom-Psychologin am Internationalen Centrum für Begabungsforschung der Uni. Dass IQ-Test nützlich sein können, will auch Lothar Dunkel nicht bestreiten - was ihn stört, sind Eltern, für die Intelligenz ein „Statussymbol“ ist.


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