Fr., 08.09.2017

Skulptur-Projekte 2017 Kunst durch die Augen von Blinden

Kunstvermittlerin Lioba Knape zeigt Ursula Wesener das Kunstwerk "Matrix" am Stadttheater mit Hilfe von Fäden. Tour-Teilnehmer Walter Popig schaut dabei zu.

Kunstvermittlerin Lioba Knape zeigt Ursula Wesener das Kunstwerk "Matrix" am Stadttheater mit Hilfe von Fäden. Tour-Teilnehmer Walter Popig schaut dabei zu. Foto: Anne Koslowski

Münster - 

Es hieß, die multisensorischen Touren bei den Skulptur-Projekten seien intensiv und langsam. Jetzt muss die Gruppe zusehen, dass sie an diesem warmen, sonnigen September-Tag nicht ins Schwitzen gerät. Blindenhund Bastian gibt das Tempo vor  - und das ist sportlich. An seinem Geschirr zieht der Golden Retriever seine Halterin Sabine Stadermann und ihre Begleiterin hinter sich her, dahinter Kunstvermittlerin Lioba Knape und weitere Teilnehmer.

Von Anne Koslowski

Stopp am ersten Kunstwerk der zweistündigen Tour für Blinde und Sehbehinderte: Während Bastian das Zementobjekt von Künstler Michael Dean mit der Nase untersucht, soll auch seine Besitzerin die Plastik in Augenschein nehmen. Da die 53-Jährige aus Telgte nur noch Hell und Dunkel wahrnehmen kann, geht das am besten mit den Händen. Lioba Knape nimmt ihren Arm; und Sabine Stadermann zuckt zusammen. „Entschuldigung, ich hätte vorher fragen sollen.“ Die Lehramtsstudentin muss sich langsam an ihre Besucher herantasten.

Hände auf kaltem Zement

Stadermann lässt ihre Hand über die kalte mit Rillen übersäte Oberfläche der wurstförmigen mit einem Fahrradschloss an eine Laterne befestigte Skulptur gleiten. Knape fragt, wie die wohl ins Material gekommen sind. Der Künstler habe den Zement in Schläuche aus Folie gegossen, erklärt die 31-jährige Kunststudentin, dabei seien die Falten des Plastiks im Material zurückgeblieben. Das erklärt sie, indem sie sich vor die Gruppe und dicht an Sabine Stadermanns rechte Seite stellt. Denn die Telgterin hört nur auf dem linken Ohr gut. Am Anfang der Tour hatte die angehende Kunstpädagogin Lioba Knape alle Teilnehmer nach ihren Einschränkungen und speziellen Bedürfnissen gefragt.

Video: Kunst mit den Händen entdecken

Das war auch der Moment, als Walter Popig ihr ein Mikrophon um den Hals gehängt hatte. Der puschelige FM-Empfänger hilft dem schwerhörigen Grevener, Knapes Stimme besser zu hören und filtert Umgebungsgeräusche heraus. Jetzt kann er jedes Wort der Kunststudentin sogar auf viele Meter Entfernung hören. Dafür aber seine Frau nicht mehr, die direkt neben steht.

Navigation mit Hilfe einer Bronzeminiatur

Knape führt die Gruppe weiter zu einer Miniatur der Altstadt von Münster. Die Bronzeskulptur von Bildhauer Egbert Broerken gegenüber der Bezirksregierung hilft Menschen mit Sehbehinderung, die Dimensionen, Architektur und Geschichte einer Stadt zu erfühlen, die sie sonst nie begreifen könnten. Hier erklärt Knape, wo sie die Gruppe als nächstes hinführen wird und lässt Stadermanns Hände über den berühmten Straßenzug von Giebelhäusern auf dem Prinzipalmarkt gleiten. Sie werden im Laufe der Tour beim Kunstwerk "Peles Empire" noch einmal eine Rolle spielen.

Fotostrecke: Kunst mit allen Sinnen

Ein Modell aus der Handtasche

Vorbei an der Lambertikirche geht es zum Stadttheater. Hier wartet Shaina Anands und Ashok Sukumarans Installation „Matrix“ auf die Gruppe. Am Himmel zwischen der Ruine des Romberger Hofes und dem modernen Theatergebäude haben die Künstler ein Netz aus schwarzen Kabeln gespannt. Normalerweise können die Besucher an von den Stromkabeln herunterhängenden Schaltern Glocken zum Läuten bringen. Doch die funktionieren heute nicht. Trotzdem bleibt das schwarze Netz den Teilnehmern der multisensorischen Tour nicht verborgen. Denn Lioba Knape hat das Kunstwerk als Miniatur in ihrer Handtasche. „Ich stehe jetzt vor Ihnen. Hier ist der Rahmen“, sagt sie zu Sabine Stadermann und erklärt den Teilnehmern, dass sich das Kunstwerk über ihnen befindet. Die blinde Telgterin nimmt die in einen kleinen Holzrahmen gespannten Fäden in die Hand und ertastet sie. Danach berühren sie gemeinsam die Mauer der alten Ruine, die Glasfassade des Theatergebäudes und die kaputten Schalter der Matrix-Installation.

"

Ich sage Bescheid, wenn die erste Stufe kommt.

Wolfgang Wesener

"

17 Treppenstufen herabgestürzt

Anschließend geht es die Treppen herunter zurück auf die Straße. "Ich sage Bescheid, wenn die erste Stufe kommt", sagt Wolfgang Wesener zu seiner Frau Ursula. Sie hat vor fünf Jahren ihr Augenlicht fast vollständig verloren, als sie 17 Treppenstufen herabstürzte. Jetzt sieht die 72-Jährige nur noch wie durch eine dünne Röhre. Ihre Sehkraft liege bei etwa acht Prozent, erzählt sie. Kulturelle Touren und ihre Leidenschaft, das Reiten, will sich die Rietbergerin trotzdem nicht nehmen lassen. Das Ehepaar ist begeistert, wie Lioba Knape auf sie, Walter Popig und insbesondere Sabine Stadermann eingeht.

Knape und die 53-Jährige haben sich inzwischen gut aufeinander eingespielt. Zur Bronze-Skulptur von Nairy Baghramian auf dem Erbdrostenhof gehen die Frauen ein Stück zusammen. „Wie möchten Sie geführt werden?“, fragt die 31-Jährige die blinde Kunstinteressierte. „Am liebsten am Ellenbogen.“ Vor ihnen Stadermanns Begleitung mit Hund Bastian an der Leine, hinter ihnen die anderen Tour-Teilnehmer, unterhalten sie sich über den siebenjährigen Blindenhund und die Skulptur-Projekte. Walter Popig hört aus der Entfernung über das Mikrophon mit. Alle fühlen sich mitgenommen, alle kommen auf ihre Kosten - und an diesem heißen Kultur-Sonntag ein wenig ins Schwitzen.

Mehr zum Thema

Es gibt drei verschiedene inklusive Touren: die "multisensorische Skulptur" für Blinde und Sehbehinderte (das letzte Mal am 24. September um 14 Uhr), für Menschen mit Lernschwierigkeiten in leichter Sprache (am 10. September und 1. Oktober jeweils 14 Uhr) und für Gehörlose in Deutscher Gebärdensprache (17. September, 14 Uhr). Neben den öffentlichen können auch private Touren gebucht werden und unter bestimmten Bedingungen zur Hälfte vom LWL bezuschusst werden. Informationen gibt es beim Besucherservice unter Telefon 0251/2031 8200 und unter service@skulptur-projekte.de.

 

Fotostrecke: Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

 

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

karriere.ms Anzeigen

Ihr Jobportal für unbefristete und befristete Stellenangebote aus dem Münsterland

  • Realschulrektor/in

    Schule, Universität, Aus- & Weiterbildung, Warendorf, Deutschland

  • Werkzeugmechaniker m/w

    Feinwerk- & Werkzeugtechnik, Otto-Diehls-Straße 11, 48291 Telgte, Deutschland

  • Berufskraftfahrer/in

    LKW- & Omnibusführung, Ochtrup, Deutschland

  • Mitarbeiter/in

    Medizinische & medizinisch-technische Assistenz, Hammer Straße 89, 48153 Münster,

  • Referent/in

    Pädagogik & Sozialarbeit, Weißenburgstraße 60-64, 48151 Münster, Deutschland

  • Auslieferungsfahrer m/w

    Auslieferung, Kurierdienst & Taxi, Otto-Diehls-Straße 11, 48291 Telgte, Deutschland

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5135026?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F70624%2F4767220%2F