Fr., 02.05.2008

Jorge Pardo - „Pier“ Traumhaus im See

Jorge Pardo - „Pier“ : Traumhaus im See

Idylle in der Idylle: Der Pier von Pardo führt hinaus auf den See, auf eine Holz-Insel mit Blick auf die Stadt. Foto: Gerhard H. Kock

Münster. Warum ist es am Pier so schön? Weil hier der Deutsche aufs Wasser blicken kann. Seit der Antike sucht der Bürger nach der „ars vivendi“. Jeder Kulturkreis hat eine andere Kunst des Lebens kreiert. Wenn´s den Italienern gutgeht, nennen sie ihr süßes Leben „Dolce Vita“. Und den Franzosen ist das „Savoir-vivre“ ein unbeschwerter Lebensgenuss. Der Deutsche ist Gemütsmensch, will „die Seele baumeln lassen“. Am liebsten mit dem Blick aufs Wasser. Und das hat seinen Grund.

Das Kunstwerk ist regelmäßiger kreativen Unholden ausgesetzt (hinten die Studentenwohnheime).
Foto: Gerhard H. Kock

Schon das Wort „Seele“ spricht Bände. Das deutsche Wort stammt vom althochdeutschen „se(u)la“ ab. Das bedeutet „die zum See Gehörende“. Die Germanen zogen nämlich nicht nur ihre Neugeborenen zur Abhärtung durch fließendes Wasser, sondern glaubten, dass dort die Seelen der Ungeborenen und der Verstorbenen vor sich hin westen.

Der in Havanna (Cuba) geborene US-Künstler Jorge Pardo (Jahrgang 1963) mit Wohnsitz Los Angeles dachte bei seiner Arbeit für die „Skulptur ’97“ wohl eher an den „American Way of Life“ – an das „Alles ist möglich“. Auf dem Pier dürfen also Tellerwäscher träumen - aus Münster und der ganzen Welt. An Traumwilligen herrscht in einer Stadt der Akademien und Hochschulen schließlich kein Mangel. Und geträumt wird in Deutschland eben entweder mit Blick über hohe Wipfel oder mit Blick aufs Wasser. Diese Perspektive schafft Pardo.

Der etwa 40 Meter lange Steg ohne (!) Geländer führt zu einer sechseckigen Aussichtsplattform mit einem offenen Pavillon, von dem Stufen herabführen zum See. Die Architektur aus amerikanischem Redwood soll an japanische Pavillons erinnern oder gar an die in den USA von Frank Lloyd Wright fortgeführte Tradition des Bauhauses.

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Über einen Steg ohne Geländert geht es zum Unterstand. Foto: Gerhard H. Kock

Wie dem auch sei, die Münsteraner fanden die Hütte von Anfang an klasse: „So schön, das Wasser an den Füßen. So schön, auf das fließende Wasser zu schauen.“ „Dieses Haus muss auf jeden Fall bleiben.“ Das hinderte diese Kunstfreundchen nicht daran, solche Sprüche an die Wände zu kritzeln.
Aber die Holzlatten hatten noch weit mehr zu verkraften. Zwar diente "Redwood"-Holz schon als Stützpfeiler in den Erzminen des amerikanischen Westens, als Schiffs-Planken von Handelsflotten oder Kriegsschiffen und trug als Schwellen Eisenbahnen über den Kontinent, aber ein bestimmter „Freundeskreis“ war zu viel für diese Balken. Der Automat mit amerikanischen Zigaretten wurde bereits im März 1998 herausgerissen. Weitere Zerstörungen am Holz kamen dazu, sodass 2004 eine neue Spanplatte aufgeschraubt werden musste, damit sich keiner die Knochen bricht.

Und schließlich wurde der Pier gesperrt. Der besondere Blick auf die Stadt blieb bis auf Weiteres vergittert.

Aber 2007 wurde alles wie neu – der Traum darf weiter gehen . . .

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