Fr., 20.07.2007

Martha Rosler - "Unsettling the Fragments (Erschütterung der Fragmente)" Triumph des Alltags

Martha Rosler - "Unsettling the Fragments (Erschütterung der Fragmente)" : Triumph des Alltags

Im Schilderwald fällt die auffällig unpassende Standarte mit dem Adler fasst nicht auf. Foto: Gerhard H. Kock

Münster. Die Originale hängen am Lamberti-Kirchturm, die Kopien befinden sich im Stadtmuseum. 2007 gibt es von den Wiedertäuferkäfigen auch noch eine dritte Ausführung – die New Yorker Künstlerin Martha Rosler hat sie vor der Stadtbücherei postiert. An den Mauern des Chorraumes von St. Lamberti befindet sich zeitgleich ein Bambustunnel (das Original wächst im Botanischen Garten vor sich hin), und vor dem Eingang in die Münster-Arkaden prangt bis heute ein Abguss jenes Adleremblems, das sich an der Fassade des Luftwaffentransportkommandos der Bundeswehr befindet.

Von Martin Kalitschke

Erschütterung der Fragmente “ hat Martha Rosler ihre dreiteilige Skulptur benannt; ein Wechselspiel der Architektursymbole. Die düstere Epoche der Wiedertäufer – Synonym für Verblendung, Folter und Tod – trifft auf das in den Büchern der Stadtbibliothek geballt konservierte Wissen aus Vergangenheit und Gegenwart. Der zum Schlendern verlockende Bambustunnel verleiht den massiven Mauern einer jahrhundertealten Kirche eine neue Leichtigkeit. Und der steinerne Adler, 1935 angefertigt und nach Kriegsende vom Hakenkreuz-Symbol befreit, macht sich vor der strengen Fassade eines Konsumtempels gar nicht so schlecht.

Die Klauen des Adlers mit dem Hakenkreuz wurden nach dem Krieg weggemeißelt.
Foto: Gerhard H. Kock

Alt trifft auf Neu, Schreckensgeschichte auf harmlos-harmonische Gegenwart, düsteres Mittelalter auf aufgeklärtes Wissen, Natur auf Kirche, Faschismus auf Einkaufsvergnügen – und alles zusammen prägt das heutige Stadtbild Münsters. Einer Stadt, die nicht ohne Grund zur lebenswertesten der Welt gekürt wurde; die Lebensqualität ist hoch, die Arbeitslosigkeit niedrig, der Wohlfühlfaktor beeindruckend. Beeindruckt hat sich auch Martha Rosler bei ihren Recherchen im Vorfeld der Skulptur-Projekte gezeigt – von der „Sicherheit eines angenehmen und geregelten Alltagslebens“, das die Schrecken der Vergangenheit nicht verleugne, sich aber zugleich gelassen-optimistisch der Zukunft stelle. Der Triumph des Alltags – in Münster wird er an jeder Ecke spürbar, und in Roslers Skulptur nachvollziehbar.

Irgendwie passen Käfige, Adler und Bambustunnel gut dorthin, wo sie während der Skulptur-Projekte 2007 stehen. Sicher, sie machen nachdenklich – und müssen sich im nächsten Moment doch die Bemerkung gefallen lassen: „Sieht gut aus. Kann hier bleiben.“

Spricht das gegen Münster? Nein, eher dafür. Die Vergangenheit wurde aus dieser Stadt nicht gelöscht, sie ist allgegenwärtig. Widersprüche brechen auf, die jedoch nicht etwa die Gegenwart in ihren Grundfesten erschüttern, sondern vielmehr verdeutlichen, dass sich hier eine Stadtgesellschaft ihrer Geschichte, gut oder böse, stellt. Insofern ist Martha Roslers Skulptur kein Kunstwerk, das aufrütteln oder kritisieren will – sondern ein Kompliment an eine Stadt, die ihre Hausaufgaben im Fach Geschichte mit Bravour erledigt hat.

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