Mo., 16.07.2007

Guillaume Bijl - "Archäologische Stätte (Eine Sorry Installation)" Ups, Entschuldigung!

Guillaume Bijl - "Archäologische Stätte (Eine Sorry Installation)" : Ups, Entschuldigung!

Das Kunstwerk wurde mittlerweils zugeschüttet und harrt einer archäologischen oder anderweitigen Ausgrabung . . . Foto: Gerhard H. Kock

Münster. Wenige Meter geht es steil bergauf, bevor sich urplötzlich der Blick auf das spektakulärste Kunstwerk der Skulptur-Projekte 2007 auftut: Guillaume Bijls Kirchturmspitze, laut Hinweisschild in neoromanischem Stil um 1860 errichtet und kürzlich bei archäologischen Grabungen entdeckt. Was natürlich Humbug ist, denn Bijls Kirchturm ist schlichtweg ein absurd-surrealistisches Täuschungsmanöver.

Von Martin Kalitschke

Der Bau eines Containerhafens in Antwerpen hat den an Münsters Kunstakademie lehrenden Belgier zu seiner Skulptur inspiriert. Weil die Kirche im Weg stand, wurde sie einfach unter Asphalt begraben. Nur noch ihr vier Meter hoher Turm ist heute sichtbar. Gut vier Meter ist auch der Turm in den Aaseewiesen hoch. Die oberen Bögen der Fenster sind noch gerade zu erkennen, das rote Licht, das aus ihnen schimmert, erinnert ein wenig an einen Pizzaofen. Darüber erhebt sich das Turmdach, mit Schiefer verkleidet und von einem Wetterhahn, der gen Norden blickt, gekrönt. Derweil befinden sich am Boden noch einige vermeintliche Relikte der archäologischen Arbeiten, Erdhaufen liegen in den Ecken, außerdem ein paar Schaufeln. Ach ja, Mäuse krabbeln immer mal wieder am Boden herum.

Eine künstliche Welt ist das, die Bijl auf der grünen Wiese errichtet hat. Das Licht wirkt künstlich, der Turm in seiner H-Null-Putzigkeit ebenfalls. Und die ganze Szene, die zwar „Archäologische Stätte “ heißt, aber natürlich keine ist, ebenfalls. Der Kirchenturm passt damit wunderbar in die Umgebung, in die ihn Bijl gesetzt hat. Der Allwetterzoo mit seinen imitierten Bergen und Seen liegt nur wenige Meter entfernt, ebenso das Mühlenhof-Freilichtmuseums – Disneylands der westfälischen Freizeitgesellschaft.

Ein geheimnisvoller Kirchturm liegt im Hügel.
Foto: Gerhard H. Kock

Vielleicht regt Bijls Skulptur ja all jene, die sich im Mühlenhof willkürlich zusammengewürfelte Fachwerkidyllen und im Allwetterzoo munter herumturnende Arten aus Asien oder Afrika anschauen, an, einmal darüber nachzudenken, wo sie sich gerade befinden: in Kunstwelten, die ursprünglich gar nicht dorthin gehörten, wo sie heute sind. Was natürlich auch für den Turm gilt, der diese Freizeitgesellschaft vorführt – und gleich auch noch den Finger in die Wunde „Prinzipalmarkt“ legt: Im Krieg zerstört, dann wieder aufgebaut, ist er eine lediglich historisch anmutende Kulisse für Konsum, Kultur und Tourismus.

„Sorry“, Entschuldigung, nennt Bijl seine Skulptur. Sorry, dass seine heiter-gelassene Skulptur falsche Erwartungen weckt. Sorry, dass der vertraute Gebäudeteil nicht mehr als ein reines Schaubobjekt ist. Sorry, dass eine künstliche Realität ad absurdum geführt wird. Sorry, weil mit dem Turm auch der Kulturtourismus sein Fett abbekommt und damit nicht zuletzt jene Menschen, die staunend vor seiner Skulptur stehen.

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