Fr., 13.07.2007

Susan Philipsz - "The Lost Reflection (Das verlorene Spiegelbild)" Die Lorelei vom Aasee

Susan Philipsz - "The Lost Reflection (Das verlorene Spiegelbild)" : Die Lorelei vom Aasee

Aus den Lautsprechern klingt es jeden Sonntag von 11 bis 18 Uhr zur vollen Stunde drei Minuten lang sehnsuchtsvoll. Foto: Gerhard H. Kock

Münster. Der Aasee der Canale Grande, die Torminbrücke ein prachtvolles venezianisches Bauwerk? Derartige Assoziationen sind dem Münsteraner an seinem Hausgewässer bisher fremd gewesen. Romantisch war Ende des ersten Jahrzehnts im dritten Jahrtausend allenfalls die unerschütterliche Liebe von Trauerschwänin Petra zu ihrem Plastiktretboot. Um die Seele am See in lyrische Schwingungen zu versetzen, musste erst eine Schottin aus Glasgow unter der Torminbrücke herradeln.

Von Karin Völker

Die Schotten sind ein sangesfreudiges Volk. Susan Philipsz kurvte zur Vorbereitung Monaten vor den Skulptur-Projekten 2007 mit einem Leihfahrrad durch die Stadt – auf der Suche nach einer Inspiration. Im Grünen, am Aasee , drängte sich die bekannte Melodie ins Hirn. „Schöne Nacht, du Liebesnacht, o stille mein Verlangen . . .“, lautet der deutsche Text der Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, den Susan Philipsz als Schulmädchen auf Englisch singen lernte. Was ein Glück, dass die 1965 geborene Künstlerin, die auf zahlreichen internationalen Ausstellungen präsent und 2007 auch auf der Kasseler Documenta mit einem Projekt vertreten ist, eine schöne Stimme hat.

Ihr „verlorenes Spiegelbild “ unter der Torminbrücke ist eines der außergewöhnlichsten und poetischsten Werke der 07er-Schau.

Liebende haben ihre Schlösser unter die blaue Brücke gehängt
Foto: Gerhard H. Kock

Unter den Betonbögen der Torminbrücke, wo der Verkehr vierspurig hinüberrumort, kam der Künstlerin die Idee zu ihrem echoartigen Wechselgesang der berühmten Melodie aus der 1881 uraufgeführten Oper von Jacques Offenbach. Ein Duett mit einer Stimme: Der Gesang von flüchtiger Liebe und Leidenschaft erklingt aus Lautsprechern auf beiden Seiten unter der Brücke. Dort stehen dann die Spaziergänger, Radfahrer halten an und horchen andächtig.

Wenn in Offenbachs Oper im vierten Akt die Barcarole, das Lied der Gondoliere von Venedig, angestimmt wird, schenkt der schmachtende Hoffmann seiner angebetenen Giulietta sein Spiegelbild – ohne dass seine Liebe erwidert wird.

Unter der Torminbrücke ist das Lied, dessen Klänge auf dem Wasser wundersam entschweben, selbst das Spiegelbild. Die Zuhörer auf beiden Seiten blicken hinüber ans andere Ufer – und sehen ebenfalls ein Spiegelbild, wenn auch mit anderen Personen, die auf die Entfernung freilich nicht genau zu erkennen sind.

Wie einfach es doch ist, einen so nüchternen Raum, wie den unter der Brücke in einen verzauberten Ort zu verwandeln, an dem selbst wacker joggende Läufer die sportliche Ambition zurückstellen und erstaunt innehalten.

Und wenn der Gesang verklungen ist, wartet man darauf, dass er wieder anfängt. Die stillen Pausen dauern und dehnen sich wie eine Ewigkeit.

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